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Top-Athleten leben Integration vor

Behinderte und nichtbehinderte Sportler aus Deutschland spielen beim "Champion des Jahres" gemeinsam Fußball, Golf oder Boccia. Verena Bentele könnte die Wahl sogar gewinnen.

Christian Reif staunte nicht schlecht über seinen ungewöhnlichen Golfpartner. Während der Weitsprung-Europameister reihenweise Luftlöcher schlug, beförderte Gerd Schönfelder einen Ball nach dem anderen in Richtung Loch. Dabei hat Skifahrer Schönfelder einen entscheidenden Nachteil: Der vierfache Paralympics-Sieger von Vancouver hat nach einem Unfall nur noch einen Arm.

Begegnungen wie diese sind in Portugal derzeit an der Tagesordnung. Behinderte und nichtbehinderte Spitzensportler aus Deutschland erholen sich an der Algarve gemeinsam von den Strapazen einer langen Saison, um am Dienstag ihren "Champion des Jahres" zu wählen. "Es ist ein tolles Erlebnis, die besten Athleten zu treffen und miteinander Sport zu treiben. Das sind einmalige Geschichten", sagt Schönfelder, dem vor über 20 Jahren der rechte Arm und drei Finger der linken Hand amputiert wurden. Auf dem Golfplatz ist der "Stier von Kulmain" dank spezieller Schläger dennoch eine Klasse für sich.

Verena Bentele immer und überall dabei

Mittendrin ist in Portugal auch die blinde Langläuferin Verena Bentele aus Lindau. Ob auf dem Tandem am Hinterrad von Biathlon-Olympiasiegerin Kati Wilhelm, schwitzend beim täglichen Fitnesstraining oder abends auf der Tanzfläche: Die lebensfrohe 28-Jährige ist immer und überall. "Das Zusammentreffen mit anderen Sportlern macht diese Woche so einzigartig", sagt Bentele, die am Ende sogar den Titel holen könnte: Die zwölfmalige Paralympics-Siegerin steht neben Bob-Ikone Andre Lange, Wassersprung-Europameister Patrick Hausding, Kanu-Weltmeister Max Hoff und Weitspringer Reif im Finale.

Für den querschnittsgelähmten Martin Braxenthaler (Traunstein) ist Benteles Nominierung durch 1 100 Athleten "ein wichtiges Zeichen", die Entwicklung im deutschen Behindertensport gehe in die richtige Richtung. "Die meisten Athleten wissen unsere Leistung einzuschätzen", sagt der Monoskifahrer, der seit einem Wirbelbruch 1994 im Rollstuhl sitzt und in Vancouver dreimal Gold holte. An der Algarve lässt der 38-Jährige es aber eher ruhig angehen: Ein paar Bahnen im Pool, ein wenig Boccia, das reicht.

Braxenthaler wünscht sich mehr Aufmerksamkeit

Rundum zufrieden ist Braxenthaler allerdings nicht. Denn für den Medaillensammler ist die öffentliche Wahrnehmung des Behindertensports noch immer zu stark auf die Paralympics fixiert. "Wir leben in einem Vier-Jahres-Zyklus. Bei den Paralympics sind wir die Helden der Nation, dazwischen können wir schauen, wo wir bleiben", sagt der Routinier, der sich mehr Aufmerksamkeit wünscht: "Dann würden wir uns auch bei der Sponsorensuche leichter tun. Es ist schwierig, über vier Jahre das hohe Niveau zu halten."

Zumindest beim Champion des Jahres ist den Behindertensportlern die Anerkennung gewiss. Das gilt auch für Rollstuhl-Curler Marcus Sieger (Denkingen), der regelmäßig auf der Disco-Tanzfläche unterwegs ist. Oder Radfahrer Michael Teuber aus München, der sich beim Fitnesstraining mit Biathleten, Fechtern und Kugelstoßern misst. Oder den gehörlosen Leichtathleten Daniel Helmis (Berlin), der auf dem Fußballplatz regelmäßig sein Können unter Beweis stellt.

Die Fußballschuhe schnüren würde gerne auch Hobby-Golfer Schönfelder, doch derzeit zwickt die Hüfte. Also geht es jeden Morgen raus auf das Grün, um weitere Spitzensportler zu überraschen und am eigenen Handicap zu arbeiten. Trotz Handicap.

© SID

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