Allgemein Olympia
Danckert: "Öffnung zur Welt"

Nach seinem Aufenthalt in Peking bezieht der Sportausschuss-Vorsitzende Peter Danckert im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) Stellung zu Pressefreiheit, Menschenrechten und Doping im Vorfeld von Olympia.

Peter Danckert, Vorsitzender des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, hat nach seinem Aufenthalt in Peking im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) eine Zwischenbilanz gezogen. Wichtige Themen waren die Öffnung Chinas im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008, die Pressefreiheit, die Einhaltung der Menschenrechte sowie Doping im Reich der Mitte.

sid: "Welche Erwartungen haben Sie nach Ihrem Aufenthalt in China und speziell Peking an die Olympischen Spiele 2008?"

Peter Danckert: "Ich glaube, die Chinesen werden zeigen, dass sie nicht nur eine gigantische wirtschaftliche Entwicklung bewältigen können, sondern auch sportliche Weltereignisse in den Griff bekommen. Ich bin überzeugt, dass sie in Sachen Organisation alles tun werden, dass niemand irgendetwas zu klagen hat."

sid: "Es gab am Rande der Frauenfußball-WM unangenehme Begleiterscheinungen. Haben Sie davon gehört?"

Danckert: "Wir haben gehört, dass Journalisten und ausländische Besucher zum Teil auf Schritt und Tritt verfolgt wurden, oder dass Reinigungspersonal ungewöhnlich oft am Tag diverse Hotelzimmer deutscher Journalisten aufgesucht hat. Das ist natürlich ein bedenkliches Zeichen, das wir nicht akzeptieren werden. Das spricht auch nicht für die Einhaltung der Garantien der chinesischen Regierung, die im Zusammenhang mit der Vergabe der Olympischen Spielen in Sachen Menschenrechte und Pressefreiheit gemacht worden sind."

sid: "Was bedeutet das?"

Danckert: "Einerseits haben wir in vielen Gesprächen mit den Chinesen den Eindruck gewonnen, dass das Thema Menschenrechte und Pressefreiheit von den chinesischen Offiziellen relativ ernst genommen wird. Andererseits gab es verschiedene Berichte, die den Schluss zulassen, dass das, was an der Spitze der Partei, der Regierung und im Sportbereich offizieller Tenor ist, nicht immer eins zu eins nach unten durchgestellt wird. Ich will immer noch daran glauben, dass das Störungen sind, die nicht die Billigung der Verantwortlichen in der Regierung und Sportpolitik finden. Aber sicher bin ich mir da auch nicht mehr."

In Sachen Pressefreiheit deutliche Verbesserungen

sid: "Bereitet Ihnen die politische Situation im Olympia-Gastgeberland Kopfschmerzen?"

Danckert: "Letztlich haben die Länder, in denen Olympia stattgefunden hat, in jedweder Weise profitiert. Mit den Spielen geht eine Öffnung zur Welt einher. Dass sich China abschottet und sich nicht mehr in die Karten schauen lassen will, das gehört der Vergangenheit an. Es hat in Sachen Pressefreiheit für Ausländer deutliche Verbesserungen gegeben, und ich gehe davon aus, dass sie anhalten."

sid: "Welche Verbesserungen meinen Sie?"

Danckert: "Wenn man davon ausgeht, wie problemlos inzwischen die Akkreditierungen von Journalisten verlaufen, wenn gewisse Spielregeln eingehalten werden. Die erreichen natürlich immer noch nicht den internationalen Standard, gehen aber weit darüber hinaus, was vor einigen Jahren möglich war. In dieser Hinsicht muss man sagen, öffnet sich China. Die Chinesen bemühen sich, weltoffen zu sprechen. Als vor Jahren chinesische Delegationen nach Deutschland kamen, da wirkte jeder Satz wie auswendig gelernt. Heute folgt dem Standardsatz ein Satz, der die Öffnung demonstriert. Das ist bemerkenswert und auch das Ergebnis der Olympischen Spiele."

sid: "Es gibt Stimmen die Spiele zu boykottieren. Jüngst vom Vize-Präsidenten des EU-Parlaments wegen der Untätigkeit Chinas im Nachbarland Myanmar ..."

Danckert: "Ein Boykott ist eine törichte Idee. Diese Rufe werden verhallen. Es hat sich gezeigt, dass diese Dinge politisch letztlich gar nichts gebracht haben. Diese Spiele werden in allen Bereichen Fortschritte nach sich ziehen, auch beim Thema Menschenrechte. China ist bereit, darüber zu reden. Wir haben im Januar 2008 eine Anhörung im Sportausschuss zum Thema Olympia und Menschenrechte. Die Tendenz ist da, dass die Chinesen teilnehmen werden und sich der Diskussion stellen. Man muss den Chinesen die Chance geben, ihre Sicht der Dinge darzustellen."

sid: "Missbraucht China die olympische Idee?"

Danckert: "Natürlich wird Olympia benutzt. Das ist verbunden mit Stolz und Selbstdarstellung. Das habe ich nicht zu kritisieren. Mein Eindruck ist, die Situation für die Menschen hier hat sich verbessert. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Sie hat noch nicht in allen Teilen des Landes eingesetzt, aber das kann man bei 1,3 Milliarden Menschen auch nicht erwarten. Dass man die Spiele als Plattform benutzt, hindert uns ja nicht daran, die Dinge mit offenen Augen zu beurteilen."

Kein Vertrauen in Chinas Anti-Doping-Kampf

sid: "China und Doping - was fällt Ihnen dazu ein?"

Danckert: "Ich lasse mich nicht von Zahlen täuschen, die uns in Peking vorgelegt wurden. Es will mir nicht einleuchten, dass die Anzahl positiver Dopingfälle in China deutlich unter der in Deutschland liegt. Das liegt an der Art und Weise, wie die Proben genommen werden. Es kommt ja immer darauf an, was passiert vor der Probe. Wie werden die Leute ausgewählt? Von wem werden sie ausgewählt? Gibt es Vorwarnzeiten? Gibt es eine vom Sport total unabhängige Dopingagentur? In diesen Punkten gibt es eine Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ich kann das System einfach noch nicht gut genug einschätzen, so dass die Zahlen für mich fast wertlos sind."

sid: "Vertrauen tun Sie Chinas Anti-Doping-Kampf nicht?"

Danckert: "Nein, im Moment noch nicht. Es gibt auch noch nicht genug unangemeldete Dopingkontrollen, die von der Welt-Anti-Doping-Agentur in China durchgeführt werden."

sid: "Weil die Kontrolleure nicht unbemerkt ins Land einreisen dürfen?"

Danckert: "Unsere Forderung lautet, die Wada muss unangemeldet ins Land gelassen werden. Alles andere ist nichts wert. Wada und das Internationale Olympisches Komitee haben eine ganz besondere Verpflichtung, das sicherzustellen. Die müssen geschlossen ihre Forderungen formulieren. Wenn die erfüllt sind und sich dann chinesische Sportler diesen Bedingungen nicht stellen, kann man die Athleten von Olympia ausschließen. Das wäre für China nicht sehr angenehm."

sid: "Haben Sie kurzfristig Hoffnung auf Verbesserung?"

Danckert: "Ich habe den Eindruck, dass man bereit ist, viel mehr zu tun als früher. Denn bei allen Mrd. Dollar, die man hier in Olympia investiert, wäre es das Schlimmste, wenn ein Dutzend Chinesen positiv getestet würde. Das wäre die größte Schande für China. Dass sich tatsächlich etwas tut, merkt man auch an der Leistung. Die Chinesen sind nicht mehr so dominant, wie wir das erwartet haben. Das könnte dafür sprechen, dass auch in der Provinz das Thema Doping ernster genommen wird."

sid: "Was erwarten Sie von den deutschen Athleten in Peking?"

Danckert: "Dass sie ihr Bestes geben, sich ordentlich präsentieren, und dass sie vielleicht sogar die von den Offiziellen des Sports zurückgestuften Erwartungen übertreffen werden."

sid: "Welchen deutschen Athleten drücken Sie besonders die Daumen?"

Danckert: "Diskuswerferin Frank Dietzsch würde ich es gönnen, in ihrem Alter nochmal die absolute Weltspitze zu besiegen. Auch Hammerwerferin Betty Heidler wünsche ich, dass sie ihren Erfolg von Osaka bestätigen kann. Und es wäre toll, wenn unsere Hockey-Damen ihren Triumph von Athen wiederholen könnten."

© SID

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%