American Football: Die kranke Seite des amerikanischen Volkssports

American Football
Die kranke Seite des amerikanischen Volkssports

Als „Iron Mike“ starb, wurde eine krankhafte Veränderung seines Gehirns festgestellt. Seitdem wird das Phänomen häufiger bei Football-Spielern diagnostiziert. Ein Supergau für die Liga NFL und ein Thema für die Gerichte.
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New YorkEs ist das dunkle Geheimnis der Football Liga NFL. Die Spieler verdienen Millionen von Dollar, aber nicht wenige zahlen einen hohen Preis. Sie versinken nach Karriereende in geistiger Verwirrung. Die ständigen schweren Kopftreffer fordern irgendwann ihren Tribut. Die Liga bietet 765 Millionen Dollar für die Opfer an. Einer Richterin ist das aber zu wenig.

Sie hat gewartet, bis das Super-Party-Finale vorbei war. Es war erst ein paar Stunden her, dass die Patriots die Seahawks in einem packenden Superbowl-Finale mit hartem Körpereinsatz geschlagen hatten, als Richterin Anita Brody am Montag in Philadelphia die Bombe platzen ließ.

Zum zweiten Mal wies sie ein Angebot der mächtigen NFL zurück, 765 Millionen Dollar für Football-Spieler bereitzustellen, die schwere gesundheitliche Schäden durch den Sport davontragen. Sie fordert Nachbesserungen. Unter anderem verlangt sie die Einbeziehung der europäischen NFL-Ligen. Hunderte American-Football-Spieler haben den Verband verklagt. Bis 13. Februar haben beide Seiten jetzt Zeit nachzubessern.

Es begann 2002. Als er starb, da trug Pittsburgh Trauer. „Iron Mike“ Webster war gerade einmal 50 Jahre alt, als sein geschundener Körper nicht mehr mitmachen wollte. Da war er bereits 17 Jahre aus der Liga ausgeschieden, geistig verwirrt, obdachlos, geschieden. Es war die Obduktion des legendären Center-Spielers der Pittsburgh Steelers, die die amerikanische Football-Industrie für immer veränderte.

Dr. Bennet Omalu stellte „chronisch traumatische Enzephalopathie“ (CTE) fest. Eine krankhafte Veränderung des Gehirns, die im Sport bis dahin eigentlich nur mit Boxern in Verbindung gebracht wurde, die ständig schwere Kopfschläge und Gehirnerschütterungen hinnehmen müssen. Am Ende der Krankheit stehen nicht selten Alzheimer, Parkinson und völliger geistiger Verfall.

Websters Fall trat eine Lawine los. Immer neue Fälle von CTE bei verstorbenen Spielen tauchten auf. Nach Selbstmorden fanden Ärzte CTE in den Gehirnen der Toten. Es war der Gau in der Welt der Football-Liga NFL: Mit voller Wucht prallen die Spieler immer wieder aufeinander, rammen ihre Gegner, werfen sie um – und jetzt besteht offenbar eine Verbindung zwischen Football und irreparablen Gehirnschäden.

Mit allen Mitteln versuchte der Verband über Jahre die Nachricht herunterzuspielen oder zu unterdrücken: Eine Schlacht aus Gutachten und Gegengutachten begann. Dann die Sammelklage, die Ende 2013 in einem Vergleich endete.

Ein auf 65 Jahre angelegter Hilfsfonds, und die Liga kommt ohne das Eingeständnis eines Fehlverhaltens davon – aber noch muss Richterin Brody zustimmen. Die NFL legte am Montag in einer Mitteilung Wert darauf, dass der Vergleich nicht abgelehnt worden sei. Es werde jetzt an den Änderungen gearbeitet.

Die Footbal-Liga, die ihren Umsatz von jetzt zehn Milliarden bis 2027 auf jährlich 25 Milliarden Dollar steigern will, bemüht sich derweil, ihr Image und das Image des Sports wieder aufzubessern. In einer Pressekonferenz vor dem Superbowl betonte Geschäftsführer Roger Goodell, die Zahl der Gehirnerschütterungen in einer Saison sei seit 2012 von 173 auf 111 gefallen.

Aber er räumte auch ein, es bleibe „noch einiges zu tun, um Gesundheit und Sicherheit“ der Spieler zu verbessern. Die Liga will möglichst schnell auch einen „Chief Medical Officer“ ernennen, der sämtliche medizinischen Aspekte verantworten wird.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent

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