America's Cup
Hart am Wind

Hauchdünn, haushoch und geformt wie Flugzeugflügel - das Design der High-Tech-Segel gehört zu den am besten gehüteten Geheimnissen der Teams, die vor Valencia um den America?s Cup kämpfen.
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Auf und ab, auf und ab. Immer wieder, das Auge kann die Geschwindigkeit kaum erfassen, rasen die Arme von Sven-Oliver Buder wie Kolben an den Winschen auf und ab. Knapp sieben Sekunden lang mischt sich das Rattern der Kurbeln mit dem stakkatoartigen Atmen der beiden Muskelprotze, in der Sprache der Rennsegler Grinder genannt. Dann haben der einstige Vizeweltmeister im Kugelstoßen und sein Kollege Dominik Neidhart das rund 150 Quadratmeter große und etwa 50 Kilogramm schwere Vorsegel am gut 30 Meter hohen Mast der Germany I emporgezogen. Kraftvoll bläht der Wind das silbrig glänzende Genuasegel, dann hat die deutsche America?s-Cup-Yacht die Wendeboje umkurvt und jagt hinter den Konkurrenten vom amerikanischen BMW-Oracle-Team her.

Nach vier Tagen der Flaute herrscht nun wieder Rennfieber an der Küste vor dem spanischen Valencia, wo zwölf hochkarätige Teams noch bis zum 4. Juli um die begehrteste Trophäe der Segelwelt konkurrieren, den America?s Cup. Zum 32. Mal wird die Regatta in diesem Jahr ausgetragen, zum ersten Mal nach 156 Jahren wieder in Europa. Höhepunkt eines Wettbewerbs, der bereits seit zwei Jahren die besten Segler, Bootsbauer und Segelkonstrukteure an der Costa del Azahar vereint. Und ausgerechnet hier, wo Meteorologen im Normalfall steten, verlässlichen Wind verzeichnen, regte sich tagelang kaum ein Lüftchen.

Inzwischen aber hat die Brise aufgefrischt, erreicht der Wind endlich dauerhaft die sieben Knoten Geschwindigkeit, die die Crews zum Setzen der Segel benötigen. Als an diesem Nachmittag das Startsignal ertönt, bietet sich den Zuschauern ein erstaunliches Bild: Obwohl kaum mehr als ein laues Lüftchen über die Decks der Begleitboote streicht, ziehen die jeweils rund 26 Meter langen Yachten mit Geschwindigkeiten von bis zu 20 Kilometern pro Stunde davon. Wie Flugzeugflügel ragen ihre gigantischen Segel haushoch gen Himmel. Nur leicht geneigt und straff getrimmt wandeln die hauchdünnen Kunststoffplanen den kaum spürbaren Wind in beeindruckenden Vortrieb um.

Während draußen auf dem Meer die Crew der Germany I versucht, Kontakt zu den Amerikanern zu halten, sitzt Jean-Pierre Baudet wenige Kilometer entfernt in der Basis der Deutschen und verfolgt hier das Rennen am Monitor. Es ist das erste Mal überhaupt in der 156-jährigen Geschichte des America?s Cup, dass ein deutsches Team an der berühmtesten Segelwettfahrt der Welt teilnimmt. Obwohl beim Rennen nicht mit an Bord, ist Baudet einer der wichtigsten Männer im knapp 30 Köpfe starken Team. Dabei verbindet den eher zierlich und leicht untersetzt gebauten 41-Jährigen zumindest optisch wenig mit den Muskelmännern auf dem Rennboot. Doch der gebürtige Schweizer ist einer, um den die anderen Mannschaften die deutsche Truppe beneiden.

Denn Baudet hat sie erfunden, jene pro Stück zwischen 20 000 und 50 000 Euro teuren High-Tech-Segel, die mit Ausnahme der chinesischen Mannschaft alle Teams beim America?s Cup einsetzen und die den Yachten selbst bei geringstem Wind noch Fahrt verleihen. "Was beim Formel-1-Boliden der Motor ist, sind für eine Regatta-Yacht die Segel", sagt Baudet. "Natürlich ist das Segel bei den Rennbooten nicht alles, aber wenn das Team keine erstklassigen Segel hat, kannst du den Rest vergessen."

Aerodynamisch ideal geformt sind sie, leicht gebaut und extrem belastbar. Mit dem, was Generationen von Seefahrern an ihre Masten spannten, haben die millimeterdünnen Kunststoffbahnen, die sich mit der Größe mehrerer Tennisfelder über die Decks der immerhin 24 Tonnen schweren America?s-Cup-Boote spannen, kaum noch etwas gemein.

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