Armstrong-Bericht im Netz
Ein Sport auf der Anklagebank

Erzwungene Transparenz im Fall Armstrong: Die US-Dopingagentur hat ihren Bericht mit hunderten Seiten Primärquellen an den Weltverband geschickt und ihn ins Netz gestellt. Jetzt steht der Verband dadurch unter Druck.
  • 1

Berlin/DüsseldorfSo geheim das Dopingsystem im Radsport lange war, so transparent sieht jetzt dagegen die Aufarbeitung aus: Im spektakulärsten Dopingskandal der Sport-Geschichte gibt es für den gefallenen Helden Lance Armstrong kein Entrinnen mehr. Durch die Veröffentlichung des mehr als 1000 Seiten starken Reportsdie Zusammenfassung ist etwa 200 Seiten lang – entlarvt die US-Anti-Doping-Agentur Usada den Mythos des siebenmaligen Tour-Siegers endgültig als Lebenslüge.

Mit mafiösen Strukturen und krimineller Energie soll der lange verehrte Texaner im früheren US-Postal-Team die Grundlagen für seine beispiellose Karriere geschaffen haben, berichten Weggefährten unter Eid. Der Verlust seiner sieben Titel bei der Tour de France scheint nur noch Formsache, zudem droht der Verlust von Olympia-Bronze. Durch die auch erzwungene Transparenz mit Hilfe des Internets gerät nun aber auch der Radsport-Weltverband UCI unter Druck.

Im USADA-Bericht werden vor allem die UCI-Präsidenten Pat McQuaid und Hein Verbruggen angegriffen. Unter ihnen sei Armstrong jahrelang protegiert worden, sogar Dopingbefunde sollen vertuscht worden sein. Während viele Radsportler fassungslos die Enthüllungsdokumente studieren, interpretierte der UCI-Funktionär Verbruggen den Report auf seine ganz eigene Art: „Da steht doch, dass wir nie etwas unter den Teppich gekehrt haben.“ Doch genau das schien zumindest bei der Tour de Suisse 2001 passiert zu sein.

Hatte die UCI zuletzt schon im Dopingfall Alberto Contador und zu Beginn der Armstrong-Affäre mit einem Zickzack-Kurs für Kopfschütteln in der Branche gesorgt, so könnte der Verband nun komplett gegen die Wand fahren. Ob Präsident McQuaid zu halten ist, scheint offen. Der Radsport sei „völlig vom Weg abgekommen und hat seinen moralischen Kompass verloren“, sagte Sky-Teamchef Dave Brailsford, der Bradley Wiggins zum Tour-de-France-Sieg geführt hatte, dem BBC-Radio.

Kurz zuvor war die Urteilsbegründung der Usada beim UCI und Internationalen Olympischen Komitee eingetroffen. Darin enthalten: 26 Zeugenaussagen, darunter elf früherer Teamkollegen, entlarvender E-Mail-Verkehr, und zahllose Aufzeichnungen über das nach Ansicht der Dopingjäger „ausgeklügelste, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm“, „das der Sport jemals gesehen hat“.

Die UCI hat noch knapp drei Wochen Zeit, über die mögliche Aberkennung der Erfolge Armstrongs bei der Frankreichrundfahrt zu urteilen. Danach kann die Welt-Anti-Doping-Agentur binnen drei Wochen Berufung einlegen. Seine US-Kollegen lobte Wada-Präsident John Fahey für ihren „Mut und Entschlossenheit“ in den Ermittlungen. Das IOC prüft darüber hinaus rechtliche Schritte, ob dem Amerikaner sein Zeitfahr-Bronze von Olympia 2000 noch aberkannt werden kann. „Löscht diese Schande aus – jetzt oder nie!“, forderte „La Gazzetta dello Sport“. „Alles war falsch, befleckt und betrügerisch. Eine gesamte Ära des Radsports verschwindet in einem Schlund.“ „Game Over“, titelte die französische L'Équipe: „Es ist nicht sicher, dass der Mythos aus Texas nun diese neue Prüfung überlebt.“

Dass die Frankreich-Rundfahrten Anfang des vergangenen Jahrzehnts als sportliche Farce in die Geschichtsbücher eingehen werden, ist abzusehen. Der Weltverband UCI hat durch die erdrückenden Beweise der USADA kaum ein andere Wahl, als Armstrong seine sämtlichen sieben Titel abzuerkennen. Tour-Chef Christian Prudhomme sprach sich dafür aus, für die Rundfahrten 1999 bis 2005 keinen Sieger nachzubenennen, quasi als Mahnmal eines „verlorenen Jahrzehnts“. „Wir würden uns wünschen, dass es gar keinen Gewinner gibt“, sagte er – die endgültige Entscheidung treffe aber die UCI. Auch Jan Ullrich, der hinter Armstrong dreimal Zweiter wurde, ginge dann leer aus. Der gebürtige Rostocker hatte allerdings bereits mehrfach erklärt, das Gelbe Trikot nicht im Nachhinein zu wollen. Ullrichs Mentor Rudy Pevenage sorgte derweil mit einem bemerkenswerten Interview in der französischen Zeitung „L'Équipe“ für Aufsehen. Der frühere Sportliche Leiter behauptete, durch die Machenschaften Armstrongs selbst zu illegalen Maßnahmen bei Telekom und T-Mobile gezwungen gewesen zu sein.

Kommentare zu " Armstrong-Bericht im Netz: Ein Sport auf der Anklagebank"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Der ganze Straßenradsport ist durch und durch gierig, schmutzig und verlogen. Es ist unfassbar, wie penetrant sich der Radsport einem sauberen Reglement bislang widersetzt hat. Dieser Saustall kommt erst wieder in Ordnung, wenn in allen Profi-Verträgen steht (stehen muss), dass alle Einnahmen der Fahrer (Werbe- Sponsoren- und Preisgelder) zurück zu zahlen sind, wenn Doping nachgewiesen ist. Erst dann wird der Dreck - allerdings schlagartig - aufhören.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%