Biathlon WM
Disl: "Mir blutet schon jetzt das Herz"

Im sid-Interview äußert sich die achtmalige Weltmeisterin Uschi Disl zu ihrer neuen Rolle als Mutter und TV-Expertin, ihren Zukunftsplänen sowie den starken DSV-Biathletinnen.

Bei den Biathlon-Weltmeisterschaften in Östersund ist Uschi Disl mitten im Geschehen, wenn auch in veränderter Rolle. Vor zwei Jahren hat die achtmalige Weltmeisterin das Gewehr in die Ecke gestellt, um eine Familie zu gründen. In Schweden kehrte Disl als TV-Expertin und Mutter auf die WM-Bühne zurück. Die ein Jahr alte Tochter Hanna-Ursula und Lebenspartner Tomas sind immer an ihrer Seite. Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) erzählt die 37-Jährige über Mütter im Biathlon, ihre eigene sportliche sowie familiäre Zukunft sowie die aktuelle Dominanz ihrer Nachfolgerinnen im deutschen Team.

sid: "Sie waren in Östersund als ARD-Expertin stark beschäftigt. Ihr Partner Tomas ist als Chef über die Ski von Ole Einar Björndalen ausgelastet. Und trotzdem ist das einjährige Töchterchen Hanna mit im Team..."

Uschi Disl: "Ohne meine Kleine wäre ich nie gekommen. Ich möchte Hanna immer dabei haben. Das ging eigentlich ganz leicht. In den Stunden, in denen ich arbeiten musste, hat die Mutter von Tomas aufgepasst. Außerdem stille ich noch, aber damit muss ich jetzt aufhören. Denn nach der WM fahre ich für die ARD nach Südkorea. Da bin ich dann zum ersten Mal von meiner Tochter getrennt. Mir blutet schon jetzt das Herz."

sid: "Und trotzdem wollen Sie fliegen?"

Disl: "Ich habe mich hier mit Liv Grete Poiree (siebenmalige Weltmeisterin/d. Red.) unterhalten. Die ist beim norwegischen Fernsehen und stand eine Box neben mir. Sie hat mir erzählt, dass es für ihre Kleine überhaupt kein Problem war, mal bei der Oma zu bleiben. Liv Grete hat mir mein schlechtes Gewissen ausgeredet."

sid: "Die Schwedin Anna Carin Olofsson startete hier in Östersund, obwohl sie im vierten Monat schwanger ist. Was sagt Mutter Disl dazu?"

Disl: "Als ich im vierten Monat war, hatte ich wirklich keine Lust mehr auf sportliche Höchstleistung. Ich wäre nie gelaufen. Da ist doch eine Grundangst im Kopf. Man geht nicht so forsch in die Abfahrten, legt sich beim Schießen ganz vorsichtig hin. Dem Baby soll doch nichts passieren. Ich bin auch noch im sechsten Monat gejoggt und Rad gefahren, aber eben ruhiger. Und zwei Tage vor der Entbindung stand ich auf Langlauf-Ski - das war überhaupt kein Problem."

sid: "Albina Achatowa ist gerade als Mutter erfolgreich in die Weltelite zurückgekehrt, andere Russinnen vor ihr auch. Liv Grete Poiree ist als Mutter gelaufen, aber deutsche Mütter im Biathlon gibt es nicht. Warum?"

Disl: "Durch das intensive Training sind die Biathetinnen viele Wochen von zuhause weg. Da muss man das Kind irgendwo in der Familie abliefern. Das wollen unsere Mädels nicht, glaube ich. Und wie Liv Grete mit dem Kind um die Welt zu ziehen, ist auch nur maximal ein Jahr möglich. Dann benötigt das Kleine so viel Aufmerksamkeit, da kann sich die Mutter nicht mehr auf den Sport konzentrieren. Liv Grete hat dann auch aufgehört. So verschieben unsere Läuferinnen eben den Kinderwunsch wie ich auf die Zeit nach der Karriere."

sid: "Fühlen Sie hier in Schweden mittlerweile Heimvorteil?"

Disl: "Ein wenig schon. Mein Tomas ist Schwede und wir haben uns in Mora ein Holzhaus gekauft. Dort sind wir regelmäßig. Ich genieße die Natur und den Schnee dort. Wir werden sicher bald noch öfter in Schweden sein."

sid: "Mora ist der Zielort des Wasalaufes. Den könnten Sie dann ja mal mitmachen..."

Disl: "Das Thema ist schon noch aktuell. Aber 90 Kilometer Klassisch laufen - ich glaube, da würde ich jede Menge Blasen an den Füßen bekommen. Länger als 30 Kilometer bin ich doch nie gelaufen. Aber im Sommer war ich schon mal auf der Strecke. Bei einem Wasa-Staffellauf bin ich im Team von Tomas mitgerannt, so etwa fünf Kilometer."

sid: "Obwohl Uschi Disl seit zwei Jahren nicht mehr mitläuft, dominieren die deutschen Biathletinnen aktuell die Szene. Warum?"

Disl: "Jeder ist ersetzbar, und die Magdalena Neuner, die für mich nachgerückt ist, macht es natürlich besonders gut. Im Moment ist die Konkurrenz für uns wirklich nicht besonders groß, aber das liegt am Trainingssystem. Unser System ist einfach das Beste. Absolut wissenschaftlich durchdacht. Läuferinnen aus anderen Ländern sind auch immer mal gut, aber längst nicht so konstant."

sid: "Das spricht für Uwe Müssiggang, den besten Trainer der Welt?"

Disl: "Ich habe alle meine Erfolge mit dem Trainergespann Uwe Müssiggang/Harald Böse errungen. Das beste Trainergespann der Welt. Der eine war knallhart, der andere hat schon mal nachgegeben. Zuckerbrot und Peitsche - für mich war das genau richtig."

sid: "Mark Kirchner und Peter Sendel sind Trainer, Ricco Groß will es werden, Uschi Disl auch?"

Disl: "Auf keinen Fall. Dann wäre ich ja wieder so oft von zu Hause weg. Meine Planung läuft anders. Ich wünsche mir noch ein zweites Kind, und wenn die Hanna ein wenig größer ist, steige ich vielleicht bei uns im Skiclub ein und betreue eine Kindergruppe beim Langlaufen. Das würde ich gerne machen. Ansonsten reicht es mir aus, mich von meinem Jagdhund 'Virus' durch die Loipe ziehen zu lassen. Ich bin halt etwas fauler geworden."

© SID

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