Boxen

Klitschko verliert seine WM-Titel

Es ist die Boxsensation des Jahres: Tyson Fury hat Wladimir Klitschko im Schwergewicht besiegt und die Titel der drei großen Verbände abgenommen. Die beiden Kämpfer werden sich aber wohl bald wieder gegenüberstehen.
Update: 29.11.2015 - 08:31 Uhr Kommentieren

Nach Klitschko-Niederlage: Gibt es ein Rematch gegen Fury?

DüsseldorfWladimir Klitschko blutete heftig, er wirkte völlig ratlos – und er verlor verdient: Der Box-Champion aus der Ukraine ist nach neuneinhalb Jahren nicht mehr Weltmeister im Schwergewicht. Der 39-Jährige verlor seine WM-Gürtel der Verbände WBA, WBO und IBF am Samstag im Düsseldorfer Fußball-Stadion an seinen Herausforderer Tyson Fury. Eine faustdicke Überraschung.

Fury, von den Experten als chancenlos eingeschätzt, beherrschte den Kampf provozierend lässig und führte den Weltmeister in der Arena vor 45.000 Zuschauern vor. Klitschko fand kein Mittel, er setzte kaum Treffer, fand nicht zu seinem Stil. Fury zeigte Mut, verhöhnte Klitschko phasenweise mit den Händen auf dem Rücken. Die Entscheidung der Punktrichter war einstimmig.

„Ich muss zugeben, dass Tyson Fury schneller und besser war“, sagte der sichtlich gezeichnete Klitschko: „Die Schnelligkeit hat mir gefehlt. Er war dagegen unglaublich flink, ich habe keine Schläge getroffen und konnte den richtigen Schlüssel nicht finden.“ Währenddessen tänzelte Fury euphorisch durch den Ring, dankte all seinen Fans und stimmte am RTL-Mikrofon noch den Klassiker „I don't want to miss a thing“ von Aerosmith an.

Die größten Fights
Platz 12: Wladimir Klitschko vs. Aleksander Povetkin
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Keine zwei Jahre ist es her, als Wladimir Klitschko den Russen Aleksander Povetkin (in Russland!) einstimmig nach Punkten besiegt hatte. Klitschko hat sich seine Reise nach Russland teuer bezahlen lassen. Der russische Immobilien-Tycoon Andrej Ryabinsky hat den Ukrainer mit einer Kampfbörse von rund 17,4 Millionen Dollar gelockt. So viel Geld hatte Klitschko noch nie für einen Kampf erhalten. Mit dieser Kampfbörse belegt der Schwergewichtsweltmeister aller Klassen aber noch nicht einmal einen Platz in den Top10.

Platz 11: Lennox Lewis vs. Mike Tyson
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Als Mike Tyson gegen den Briten und damaligen Boxweltmeister Lennox Lewis in den Ring stieg, waren seine besten Zeiten bereits lange vorbei. Tyson, der bis dahin als stärkster und am spektakulärsten kämpfender Schwergewichtsboxer galt, verlor seine Linie, nachdem sein Ziehvater und damaliger Trainer Cus D'Amato verstarb. D'Amato hat mit Tyson seinen „Peek-a-boo-Boxstil“ perfektioniert. Nach seinem Tod 1985 kam Tyson 1989 unter die Fittiche des Boxpromoters Don King, der aus Tyson ein Vermarktungsobjekt gemacht hat. Tyson konnte während der Zeit bei Don King nie wieder an seine alten Leistungen anknüpfen. Als er 2002 gegen Lewis im Ring antrat, war er absolut chancenlos. Dennoch wurde beiden für den Kampf jeweils 17,5 Millionen Dollar aufs Konto überwiesen.

Platz 10: Mike Tyson vs. Michael Spinks
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Knapp 13 Jahre vor dem Kampf gegen Lennox Lewis galt Mike Tyson als unbestrittener Herrscher des Schwergewichtsboxens. In 34 Profikämpfen hat er 30 seiner Gegner vorzeitig auf die Bretter geschickt, viele in der ersten Runde. Michael Spinks war der letzte auf der Liste, der Tyson bedrohlich werden konnte. Doch als der Gong zur ersten Runde erklang, sollte Spinks nicht länger als 91 Sekunden auf seinen Beinen stehen bleiben. Mit einer beeindruckenden Dominanz schlug der damals 21-jährige Tyson den zehn Jahre älteren Spinks K.O. Der Kampf galt zu der Zeit als einer der teuersten überhaupt. Tyson erhielt 22 Millionen Dollar, Spinks 13 Millionen.

Platz 9: Manny Pacquiao vs. Juan Manuel Marquez
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Manny Pacquiao stieg am 8. Dezember 2012 zum fünften Mal gegen Juan Manuel Marquez in den Ring. Vier Mal hatte der Philippino zuvor gegen den Mexikaner gewonnen. Doch im fünften Duell reichte ein kleiner Fehler Pacquiaos in der sechsten Runde, um den Kampf durch Knockout zu verlieren. Zuvor hatte er den Kampf klar dominiert. Trotz der Niederlage hat sich der Kampf für Pacquiao ausgezahlt. Er erhielt rund 26 Millionen Dollar. Sein Rivale wurde mit sechs Millionen Dollar bezahlt.

Platz 8: Mike Tyson vs. Frank Bruno
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Frank Bruno konnte Mike Tyson am 16. März 1996 noch durch technischen K.O. besiegen. Doch nach seinem Gefängnisaufenthalt wegen Vergewaltigung und der Trennung von seinem alten Umfeld beziehungsweise der Betreuung durch den Box-Promoter Don King zeigte Tyson nicht mehr die gewohnte Dominanz. Bereits der Kampf gegen Bruno, für den er 30 Millionen Dollar erhielt, verdeutlichte, dass „Iron-Mike“ nicht mehr an seine alten Leistungen anknüpfen konnte.

Platz 7: Floyd Mayweather vs. Miguel Cotto
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Nach seinem Sieg gegen Oscar de la Hoya nahm Floyd Mayweather den Posten des bestverdienenden Boxers ein. Für den Kampf gegen Miguel Cotto am 5. Mai 2012, den Mayweather einstimmig nach Punkten für sich entschied, erhielt er eine Kampfbörse von 32 Millionen Dollar. Nimmt man die Werbe- und Pay-Per-View-Einnahmen hinzu, betrugen Mayweathers Einnahmen satte 45 Millionen Dollar.

Platz 6: Floyd Mayweather vs. Robert Guerrero
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Für den Kampf gegen Robert Guerrero bekam Floyd Mayweather zwar wieder 32 Millionen Dollar (Guerrero erhielt drei Millionen Dollar), allerdings erntete er vom Publikum zahlreiche Buhrufe. Während Guerrero die ersten drei Runden spektakulär für sich entschied, holte sich Mayweather mit einer zähen und defensiven Taktik die restlichen Runden. Vielen Zuschauern war er Auftritt des Weltmeisters schlicht zu langweilig.

Klitschkos Zukunft ist nun ungewiss. Er wollte sich seinen Ehrenplatz in der Schwergewichtshistorie sichern und länger als der legendäre Joe Louis (11 Jahre, 8 Monate) über der Szene thronen. Nun wird er sich überlegen müssen, ob er überhaupt seine Karriere fortsetzt. Die Frage hatte er vor dem Kampf ausweichend oder gar nicht beantwortet, er ist aber per RTL-Vertrag noch für vier Kämpfe gebunden. Einer davon soll ein Rückkampf gegen Fury sein, wie Klitschko im Moment der Niederlage noch im Ring betonte.

Theoretisch könnte er also zwei Aufbaukämpfe bestreiten, im dritten Fight wieder Weltmeister werden und dann als krönender Abschluss gegen den WBC-Titelträger kämpfen – er wäre somit endlich der „undisputed champion“ aller Verbände. Den WBC-Gürtel, lange Jahre von Klitschkos großem Bruder Witali getragen und dadurch für Wladimir uninteressant, hält derzeit der US-Amerikaner Deontay Wilder.

Doch dies ist Zukunftsmusik, die Gegenwart bot ein Desaster. Fury hatte sich vor dem Fight äußerst gekonnt als charmantes, abwechslungsreiches Großmaul („Wladimir hat das Charisma einer Unterhose“) inszeniert – es steckte aber auch etwas dahinter. Die „Therapiesitzung mit Fäusten“, die Klitschko angekündigt hatte, blieb aus, der Patient scheuchte stattdessen den Doktor der Sportwissenschaft durch den Ring. Mit dem ersten Gong stürmte Fury auf Klitschko zu, er wackelte wild hin und her und setzte einige Treffer. Ab Runde 5 hatte Klitschko eine Wunde unter dem Auge. Auf eine Deckung verzichtete Fury komplett.

Der in Manchester geborene Sohn irischer Einwanderer hatte am Nachmittag nochmals Verwirrung gestiftet. Er bemängelte den Ringboden und drohte, den Kampf platzen zu lassen. Nachdem eine Schaumstoffschicht entfernt worden war, gab es Entwarnung, und Fury ergriff die Chance seines Lebens beherzt. Er ist acht Zentimeter größer, zwölf Jahre jünger und 500 Gramm schwerer als Klitschko – und er hatte sich vorgenommen, all diese Vorteile auszuspielen.

Zuletzt hatte Wladimir Klitschko 2004 gegen Lamon Brewster einen Kampf verloren, seitdem war er unangefochten. Sein einziger Gegner auf Augenhöhe wäre wohl sein großer Bruder gewesen, doch Witali Klitschko wollte er niemals vor die Fäuste bekommen. Der 44-Jährige hat seine Karriere 2013 beendet und den WBC-Gürtel niedergelegt.

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