Britischer Traditionssport
Cricket kämpft um Gentleman-Image

Ein Turnier mit 20 Millionen Dollar Preisgeld, eine weltweite Liga, ein eigenes Superstar-Team - mit gewaltigen Investitionen wollte US-Milliardär Allen Stanford das Cricket populär machen. Doch sein Auftritt in der Cricket-Welt sollte kurz bleiben: Inzwischen ermittelt die US-Wertpapieraufsicht gegen den 58-jährigen Finanzinvestor wegen Betrugs in großem Stil. Und der britische Nationalsport ist in Verruf geraten.

LONDON. Es war ein Sakrileg: Im vergangenen Juni landete laut knatternd ein Helikopter auf dem Rasen von Lord?s Cricket Ground, im vornehmen Londoner Westen. Lord?s ist weit mehr als ein Stadion, es ist die spirituelle Heimat des Crickets, hier wacht der Marylebone Cricket Club seit fast 200 Jahren über den Gentleman-Sport, der Kontinentaleuropäern wohl immer ein Rätsel bleiben wird: Matches, die sich über Tage hinziehen, Sportler in weißem Flanell, die so athletisch wirken wie Winston Churchill, und Regeln, die komplexer sind als der Schaltplan eines Supercomputers.

Der Besucher aus dem Hubschrauber, der texanische Milliardär Allen Stanford, wollte das ändern - mit viel Geld. Als er ausstieg, hatte er einen Koffer dabei, gefüllt mit 20 Mill. Dollar. Im Gepäck hatte er auch ein unmoralisches Angebot: Er plante eine fernsehfreundlich verknappte Turnierversion des Crickets, bei der es auf der Karibik-Insel Antigua um die mitgebrachten 20 Mill. Dollar gehen sollte - die höchste Siegprämie in der Geschichte des Sports. Für die finanziell nicht allzu verwöhnten Cricket-Spieler war das geradezu eine astronomische Summe.

Stanfords Auftritt in der Cricket-Welt sollte allerdings kurz bleiben: Inzwischen ermittelt die US-Wertpapieraufsicht gegen den 58-jährigen Finanzinvestor wegen Betrugs in großem Stil. Stanford soll Anleger um acht Mrd. Dollar geprellt haben. Für die Puristen unter den Cricket-Fans ist das aber noch nicht einmal das größte Verbrechen. Sie glauben, dass Stanford das edle Spiel in die Niederungen des schnöden Kommerzes gezerrt hat.

Der Spross einer Familie, die ihr Vermögen mit Versicherungen und Banken gemacht hat, setzte seinen Namen gut ein: Sein Wettbewerb sollte "Stanford Super Series" heißen, das Stadion "Stanford Cricket Ground" und ein Team, eine karibische Auswahl, "Stanford Superstars". Als das umstrittene Turnier im Herbst tatsächlich stattfand, gewannen die Superstars prompt das Finale gegen die englische Mannschaft.

Doch die Kritiker des Spektakels interessierte der Ausgang kaum, das Ergebnis stand für sie schon vor Spielbeginn fest: Ein Match, bei dem jeder Spieler der Siegermannschaft eine Million Dollar kassiert, die Verlierer aber keinen Cent bekommen, gehöre ins Kasino, hieß es. Ein Verband, der sich dafür hergebe, verhökere sein Erbe und seine Seele. Für die "Times" war Stanfords Spektakel schlicht "Pornografie".

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