Denkwürdiges Finale in Istanbul
Die Macht des Unerklärlichen

Warum der FC Liverpool nach 0:3-Rückstand noch die Champions League gewonnen hat, lässt sich wohl nie ergründen.

ISTANBUL. Die Männer in den neongelben Westen schienen verloren. Die rote Wand vor ihnen hatte sich blitzschnell geteilt, und nun stürmten wie von einem Orkan nach vorn gepeitscht halbnackte Menschen mit weit aufgerissenen Mündern auf sie zu. Es gröhlte und schrie, beißender Rauch stieg auf, Fahnen wurden bedrohlich wie Speerspitzen in den Himmel gereckt. 0:25 Uhr Istanbuler Ortszeit zeigte die Anzeigetafel im Atatürk-Olympiastadion. Liverpools Fans, entfesselt und freudetrunken, schickten sich an, die Ordnersperre zu durchbrechen. 50 Meter hinter den Linien der Polizei stieß Kapitän Steven Gerrard die soeben gewonnene Trophäe nach oben. Nur die letzte Glückseligkeit hielt den wildesten Liverpooler Anhang wohl davon ab, das Feld zu stürmen.

Die Wand schloss sich wieder, und fortan tönte es nur noch laut und freudig aus ihr heraus: "You?ll never walk alone." Wie denn auch, wenn das eigene Team die Champions League sensationell gewinnt, 3:2 (0:3, 3:3) im Elfmeterschießen gegen den Favoriten AC Mailand - nach 0:3 Rückstand in der ersten Halbzeit. Das Liverpool seinen Titel womöglich gar nicht verteidigen kann, stört in diesen Minuten niemanden. Als Tabellenfünfter der Premier League hat der Klub die Qualifikation verpasst und muss nun auf eine Ausnahmegenehmigung hoffen.

Es gab viele Erklärungsversuche, wie es zu diesem historischen Triumph kommen konnte. Aber keiner war wohl ausreichend genug, das Unfassbare zu begreifen. Vielleicht nähert man sich der Wahrheit an mit der 118. Minute. Es steht 3:3. Der AC Mailand greift an, Serginho flankt, scharf, präzise. Schewtschenko springt punktgenau, trifft den Ball optimal mit dem Kopf, aber Dudek hält. Der abprallende Ball legt sich dem Ukrainer vor die Füße, aber er schießt Dudek an. Kann man danach noch ein Finale gewinnen? Im Kopf hatte Schewtschenko seine Antwort gegeben: Sie hieß Nein. Als er später als fünfter Elfmeterschütze antritt, zeigen die Kameras seine Nervosität. Dudek hält, das Spiel ist aus. Zuvor schon hatte Liverpools Torwart, auf der Linie aufreizend hin und herzappelnd, gegen Pirlo pariert, und Serginho hatte drüber geschossen.

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