Der „Tiger“ beißt nicht mehr
Schmerz und Schmach

Ex-Boxweltmeister Dariusz Michalczewski wurde bei seinem Comeback-Versuch von Fabrice Tiozzo nahezu hingerichtet.

HAMBURG,. Den traurigsten Job des Abends hatten zwei Herren in Schwarz. Sie schoben die Konfettikanone aus der Halle, ohne dass sie abgefeuert worden war. 16 000 Menschen waren in der Hoffnung auf ein großes Spektakel in die Color Line Arena gekommen, doch was sie zu sehen bekamen, grenzte an eine Hinrichtung im Boxring. Ihr Idol, der Deutsch-Pole Dariusz Michalczewski, wurde geschlagen, wie man es nicht mal seinem ärgsten Feind wünscht. Der verbeulte Held taumelte orientierungslos durch den Ring.

Ein rechter Cross an die ungedeckte Schläfe und ein linker Haken schickten Michalczewski zu Boden. Dass der Ringrichter den Kampf noch einmal freigab, entspricht zwar den Regeln, war aber überflüssig. Nach einem weiteren schweren linken Haken drehte Michalczewski ab, ehe er nach zwei Minuten und 15 Sekunden der sechsten Runde in die Seile fiel. Der Kampf war aus, Fabrice Tiozzo ließ sich zum Zeichen des Sieges den wuchtigen WBA-Gürtel um den Bauch legen. Der Franzose bleibt damit Weltmeister im Halbschwergewicht. Für Dariusz Michalczewski aber, den "Tiger", war es ein blutiges Ende. Drei Millionen Euro Gage können seine Schmerzen lindern, nicht aber die Schmach. Neun Jahre lang war der gebürtige Danziger Weltmeister gewesen. Vor 16 Monaten hatte er den Titel gegen den Mexikaner Gonzales verloren. Es war seine erste Niederlage im 49. Kampf. Für Michalczewski war sie eine große Qual. Aber vermutlich ist ein Leben ohne Boxen, ohne Ruhm und tobendes Publikum für ihn die viel größere Quälerei. Er startete sein Comeback. Er wollte es sich und seinen Fans noch einmal beweisen. Schon in den beiden Kämpfen vor seiner ersten Niederlage hatte er viele Schläge einstecken müssen. Er gewann zwar, doch sein Gesicht war böse zugerichtet.

Michalczewski ist 36 Jahre alt. Zwölf Wochen lang trank er keinen Alkohol, täglich absolvierte er 500 Sit-ups. Er unterzog sich einer Entschlackungskur, ging in die Kältekammer ins Höhentrainingslager. Er sah aus wie immer: durchtrainiert, gute Beine und starke Arme. Doch wie gut sind seine Reflexe noch? Die Antworten darauf gab der Franzose Tiozzo. Noch ehe der "Tiger", der die vierte Runde gewann, auf Betriebstemperatur kam, war der Kampf aus. Jetzt steht er da mit seinen Schmerzen und seiner Schmach. Die Zuschauer werden bald einen neuen Helden finden. Was aber wird aus dem Michalczewski? "Ich werde erstmal mit meinem Promoter, dem Trainer und meiner Familie reden", sagte er. Das ist eine Ansicht, Einsichten hören sich anders an.

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