Deutsche Martina Glagow erhält nachträglich Silber: Sündenfall der Außenseiterin

Deutsche Martina Glagow erhält nachträglich Silber
Sündenfall der Außenseiterin

Die Olympischen Winterspiele von Turin haben ihren ersten Dopingfall: Die russische Olympia-Zweite im Biathlon, Olga Pylewa, ist nach dem 15-Kilometer-Rennen bei den Winterspielen in Turin in A- und B-Probe positiv getestet worden. Am Nachmittag zog das IOC nach einer Anhörung der Athletin die Konsequenzen: Die Russin wurde nachträglich disquaifiziert und von den Winterspielen in Turin ausgeschlossen.

SAN SICARIO Die heile Welt des Biathlon-Sports hat in Turin einen tiefen Kratzer bekommen. "Schockierend, erschütternd, ein Schlag für den Sport", lauteten die Reaktionen gestern von Sportlern, Trainern und Offiziellen auf den zweiten Doping-Fall der olympischen Spielen 2006.

Am Morgen vor dem Sprint-Rennen der Damen war bekannt geworden, dass die Russin Olga Pyleva, Silbermedaillengewinnerin über 15 Kilometer, bereits vor den Spielen positiv auf Carphedon getestet wurde. Sowohl A- als auch B-Probe waren positiv. "Es ist ein Stimulanzmittel in hoher Substanz gefunden worden", bestätigte Thomas Bach, Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitee (IOC), ohne den Namen des Präparates zu bestätigen. Carphedon ist ein Stimulanzmittel, das in Russland entwickelt und bisher in fünf Fällen nachgewiesen wurde. Prominentester Fall war der deutschen Radsportler Danilo Hondo, der im vergangenen Jahr positiv auf das Amphetamin-ähnliche Präparat getestet worden war.

In Turin war bereits ein brasilianischer Bobfahrer des Dopings überführt worden - doch die Affäre Pyleva wiegt weit schwerer. Das IOC suspendierte die Russin gestern zunächst für den Sprint. Heute wird das Präsidium des internationalen Biathlon-Verbandes (IBU) zusammentreten und über weitere Konsequenzen beraten. In einer ersten Anhörung gab Pyleva an, sie habe im Januar wegen einer Fußverletzung ein Medikament bekommen. Die Regeln des Verbandes sehen für Doping eine Sperre von zwei Jahren vor. Außerdem müsste sie ihre Silbermedaille zurückgeben.

Nutznießer wäre in diesem Falle die Deutsche Martina Glagow, die vom Bronze- auf den Silberrang vorrücken würde. Freuen konnte sich die Mittenwalderin gestern nicht: "So möchte ich keine Silbermedaille gewinnen", sagte die 26-Jährige fast enttäuscht. "Mich hat es ganz schön gefroren, dass es im Biathlon so etwas gibt."

Auch die Verantwortlichen im Weltverband traf die Nachricht wie ein Schlag. Noch zu Beginn der Winterspiele hatte IBU-Präsident ein äußerst positives Bild seiner Sportart gezeichnet. Alle Athleten hätten einen Vertrag unterschrieben, in dem sie ihre Bereitschaft zu Bluttests bekunden. "Natürlich kann ich niemals versprechen, dass unser Sport 100 Prozent sauber ist, aber das Engagement der Athleten ist viel versprechend", sagte Besseberg.

Für den Biathlon-Sport, der zurzeit eine gewaltige Sympathiewelle erlebt, ist der Skandal ein herber Rückschlag: "So etwas wirft immer einen Schatten auf den ganzen Sport", befürchtet Katrin Apel. Ihre Mannschaftskollegin Uschi Disl forderte harte Konsequenzen: "Ich bin wahnsinnig enttäuscht. Wenn sie gedopt hat, müsste sie lebenslänglich gesperrt werden." Allerdings warnte sie vor falschen Schlussfolgerungen: "Man darf das jetzt nicht auf die ganze russische Mannschaft schieben. Olga war immer viel allein unterwegs und hat kaum mit der Mannschaft trainiert." Auch der russische Verband wies sämtliche gestern sämtlich Schuld von sich: Eine private Ärztin habe Pyleva behandelt, sagte Verbandspräsident Alexander Tichonow.

Doch ist eine gewisse Häufung von Doping-Vergehen im russischen Wintersport nicht von der Hand zu weisen. Vor vier Jahren bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City waren die Langläuferinnen Larissa Lasutina und Olga Danilova des Blutdopings überführt worden. Und auch im russischen Biathlon-Team gab es in den vergangenen Jahren einen Dopingfall. Bei der Weltmeisterschaft 2003 war bei Albina Achatova ein Stimulanzmittel nachgewiesen worden. Die Russin durfte trotzdem starten, weil die IBU kein eigenes Verschulden sah. Gesperrt wurde stattdessen die Teamärztin. Sollte Pyleva gesperrt werden, würde ausgerechnet Achatova nachträglich die Bronze-Medaille gewinnen - irgendwie auch das ohne eigenes Verschulden.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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