sonstige Sportarten
Deutsche Sportchefs warnen vor schwierigen Spielen

Die deutschen Sportchefs Thomas Pfüller und Stefan Krauß haben die Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele 2006 in Turin scharf kritisiert und warnen vor blankem Chaos. Knauß spricht von "unwürdigen Rahmenbedingungen".

Rund ein halbes Jahr vor Beginn der Olympischen Winterspiele in Turin haben die deutschen Sportchefs Stefan Krauß und Thomas Pfüller vor drohendem Chaos gewarnt. Grund seien horrende Preise, inakzeptable Transportbedingungen und überforderte Organisatoren. "Das werden die schwierigsten Spiele seit 20 Jahren", schlägt Ski-Chef Pfüller knapp sieben Monate vor Beginn der Winterspiele Alarm. Rodel- und Bob-Chef Krauß spricht von "unwürdigen Rahmenbedingungen" und "völligem Irrsinn". Beide begeben sich damit auf klaren Konfrontationskurs zum Internationalen Olympischen Komitee (IOC).

DSV plant zusätzliche Mittel ein

Um sich auf die Probleme einzustellen, hat der Deutsche Skiverband (DSV) 300 000 Euro zusätzlich eingeplant. Allein die Kosten für eines der beiden unweit der Langlaufstrecke in Pragelato angemieteten Häuser beläufen sich für vier Wochen auf unglaubliche 150 000 Euro. "Eigentlich haben wir das Ding für den Preis eher gekauft", meint Pfüller mit Galgenhumor: "2002 in Salt Lake City haben sich die Preise vor Olympia verzehnfacht, in Turin ist es mindestens das Fünfzehnfache."

Weil das Olympische Dorf in Sestriere laut Krauß"absolut miese Trainingsbedingungen für die Aktiven" bietet, hat auch der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) für "horrendes Geld" ein zusätzliches Privatquartier gemietet. In das christliche Gästehaus Cesana (zwei Kilometer neben der Bahn in optimaler Lage) lässt Krauß gerade 50 neue Betten plus Matratzen transportieren. Satellitenschüsseln und Kommunikationsleitungen werden installiert, große Lagerhallen zu Fitness-Räumen umgerüstet. Krauß findet das "nicht normal. Wir müssen uns um alles selber kümmern. Und das beim größten Sportereignis der Welt."

Ein Makler aus Monaco hat mit der Vermietung von Olympia-Immobilien offenbar das Geschäft seines Lebens gemacht. Unter anderem deshalb wird das Unternehmen Olympia 2006 auch für das deutsche NOK teurer als Salt Lake City vor vier Jahren - obwohl damals zahlreiche Überseeflüge bezahlt werden mussten.

Sestriere bietet nicht genügend Platz

Nötig ist der gigantische Aufwand, weil nicht ausreichend Unterkünfte in den Wettkampfstätten in der Bergregion um Sestriere zur Verfügung stehen, wo die meisten Olympia-Entscheidungen fallen. Deshalb sollten Trainer und Offizielle entfernt von ihren Athleten in Turin nächtigen. Unzumutbar, weil die Fahrzeit für eine Strecke wegen der chaotischen Verkehrsbedingungen auf den zumeist schmalen Bergstraßen auf bis zu drei Stunden geschätzt wird. Zudem ist die nötige Bewegungsfreiheit der Sportler extrem eingeschränkt - das deutsche NOK soll insgesamt nur 15 Durchfahrtsscheine ohne Parkgenehmigung erhalten.

"Wahrscheinlich müssen die Autos in der Fahrt aufgetankt werden, weil sie nicht anhalten dürfen", meint Pfüller grimmig. Das Olympia-Organisationskomitee Toroc will den Individualverkehr rund um Sestriere praktisch völlig verbieten. Krauß plant angesichts von maximal fünf Durchfahrtsscheinen für seine Truppe sogar einen privaten Shuttle-Service. "Ich habe keine Ahnung, wie ich sonst alle zur gewünschten Zeit transportieren soll. Die Sportler können doch nicht bei minus 15 Grad ewig an einer Bushaltestelle warten." Die geplanten abendlichen Siegerehrungen in Turin für die Wettbewerbe in den Bergen hält Pfüller überhaupt nur für durchführbar, "wenn sie genügend Hubschrauber zur Verfügung stellen".

Pfüller zeigt Unverständnis

Dass das IOC auch in Person seines Präsidenten unlängst die Fortschritte bei den Olympia-Vorbereitungen in Turin gelobt hat, kann Pfüller nicht verstehen: "Leider habe ich keinen Kontakt zu Herrn Rogge." Deshalb bleibt den deutschen Wintersportlern nichts anderes übrig, als sich auf das erwartete Chaos einzustellen. "Die Sportler, die das am besten schaffen, werden am Ende oben stehen. Deshalb jammern wir nicht, sondern werden mit der Situation leben", sagt Pfüller. Er lässt seine Sportler im Vorfeld zweimal zu den olympischen Wettkampfstätten reisen, um sie auch psychisch auf das drohende Chaos vorzubereiten. Pfüller: "Schließlich will der DSV 15 Medaillen zur deutschen Olympia-Bilanz beisteuern. Dann wären das ganze Geld und der ganze Ärger wenigstens sinnvoll investiert."

© SID

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