Disl schießt zu viele Fahrkarten
Von der Ersatzbank auf den WM-Thron

Eigentlich sollte sie gar nicht dabei sein - doch dann gewinnt Andrea Henkel bei der Biathlon-WM über 15 Kilometer.

HOCHFILZEN. Im Ziel drückte jemand Andrea Henkel ein Handy in die Hand. Sie telefonierte mit ihrer Schwester, der Langläuferin Manuela Henkel. Beide heulten und waren völlig fassungslos. Andrea Henkel, die Ersatzläuferin, war Biathlon-Weltmeisterin über 15 Kilometer. "Ich bin überglücklich, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll", stammelte die 27-Jährige. Die Olympiasiegerin von Salt Lake City sicherte den deutschen Skijägerinnen im dritten Rennen die dritte Goldmedaille, nachdem Uschi Disl aus Moosham den Sprint und die Verfolgung gewonnen hatte

Sie sollte eigentlich im Trainingslager in Ridnaun in Südtirol vor dem Fernseher sitzen und ihren deutschen Kolleginnen die Daumen drücken für die WM in Hochfilzen. Als Ersatzläuferin sollte Andrea Henkel sich dort bereit halten, zu schwach war sie fast die ganze Saison über gewesen. Doch weil Martina Glagow, die Medaillenkandidatin, krank wurde, durfte Henkel doch mit nach Tirol fahren. Die ersten beiden Rennen verfolgte sie trotzdem als Zuschauerin. Nur weil Simone Denkinger im Sprint und bei der Verfolgung schlecht schoss und Andrea Henkel im Training am Schießstand überzeugte, kam sie im Einzelrennen über 15 Kilometer überhaupt zum Einsatz.

Bei 20 Schüssen machte sie in dichtem Schneetreiben und bei schlechter Sicht nur einen Fehler und auch in der Loipe ein konstantes Rennen. Andrea Henkel hielt sich bei allen Zwischenzeiten unter den ersten Sechs. "Ich gebe ihr aber keine Platzierung durch", funkte ihr Heimtrainer Harald Böse von der vorletzten 3-km-Schleife. "Wenn sie hört, wie gut sie liegt, fängt sie vielleicht das Denken beim letzten Schießen an." Doch die Sportsoldatin der Bundeswehr räumte auch die letzten fünf Scheiben ab. "Das werde ich erst im Frühjahr richtig begreifen", sagte Andrea Henkel am größten Tag ihrer Biathlonkarriere. "Ich sollte ja gar nicht hier sein. Als ich doch das Vertrauen vom Trainer bekommen habe, wollte ich ihn nicht enttäuschen." Sie freute sich einfach nur darauf, "die Siegerehrung zu genießen".

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