Doping in der Leichtathletik: Eine Sportart fällt in sich zusammen

Doping in der Leichtathletik
Eine Sportart fällt in sich zusammen

Der Leichtathletik-Weltverband stürzt durch den Report der WADA-Kommission tief in die Krise. Korruption und Doping waren jahrelang an der Tagesordnung. Für die Vertuschung soll Ex-Präsident Diack verantwortlich sein.

DüsseldorfEs ist ein Skandal, der dem beim Fußball-Weltverband Fifa in nichts nachsteht. Der in seinem Ausmaß vielleicht sogar noch größer ist. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hat dem Leichtathletik-Weltverband IAAF am Donnerstag ein komplettes Versagen im Kampf gegen Doping und Korruption vorgeworfen.

In dem neuesten Bericht der unabhängigen WADA-Kommission, der am Nachmittag auf einer Pressekonferenz in Unterschleißheim vorgestellt wurde, geht hervor, dass für die „Organisation und Ermöglichung der Verschwörung“ der frühere IAAF-Präsident Lamine Diack verantwortlich sei. Die neuen Erkenntnisse hätten den „kompletten Zusammenbruch der Führungsstrukturen und das Fehlen von Verantwortlichkeit innerhalb der IAAF“ ergeben.

Es habe einen „gravierenden Mangel an politischem Appetit“ gegeben, Russland mit „dem vollen Ausmaß seiner bekannten und befürchteten Dopingaktivitäten zu konfrontieren. Auch auf Korruption habe die Führung des Weltverbandes „unzulänglich“ reagiert, wird in dem zweiten Bericht der WADA-Kommission festgestellt.

Was war passiert? Der Weltverband IAAF ist bereits vor ein paar Monaten in Misskredit geraten, weil der frühere Präsident Diack von der französischen Justiz wegen der Vertuschung von Doping-Fällen gegen Bezahlung angeklagt wurde. Mit dem Geld soll ermöglicht worden sein, dass russische Athleten trotz positiver Doping-Tests bei den Olympischen Spielen 2012 in London und bei den Weltmeisterschaften 2013 in Moskau an den Start gehen konnten. Auslöser des Skandals war die ARD-Doku „Geheimsache Doping: Im Schattenreich der Leichtathletik“ von Hajo Seppelt, die erstmals vor einem Jahr ausgestrahlt wurde.

Seitdem leidet das Image der Kernsportart der olympischen Spiele enorm – und sie steht gleichzeitig vor einer Grundsatzdebatte: Was macht den Hochleistungssport überhaupt noch aus, wenn sich Doping für den Einzelnen wirtschaftlich zu lohnen scheint? Wenn das Streben der Länder nach Goldmedaillen wichtiger ist als die Gesundheit der Sportler? Wenn Kommerz den Betrug fördert?

In Unterschleißheim war auch Sebastian Coe anwesend, der Mann, der im August 2015 den Posten als IAAF-Präsident von Lamine Diack übernommen hatte. Und der Brite, selbst Olympiasieger im 1500-Lauf, musste mit anhören, was die Kommission vortrug: Es gebe Gründe zu der Annahme, dass hochrangige IAAF-Offizielle auch von Entscheidungen profitiert haben, Weltmeisterschaften an bestimmte Städte oder Länder zu vergeben.

Die Korruption habe auch Olympische Spiele betroffen: Aus Mitschriften gehe hervor, dass die Türkei die Unterstützung von Lamine Diack im Bewerbungsprozess um die Olympischen Spiele 2020 verloren habe. Die Türkei sei nicht bereit gewesen, einen entsprechenden Sponsorenbetrag „von vier bis fünf Millionen Dollar“ für die Diamond League oder die IAAF zu überweisen. Japan habe diese Summe laut Gesprächsprotokoll dann gezahlt – Tokio erhielt den Zuschlag für die Sommerspiele 2020.

Die Kommission mit ihrem Vorsitzenden Richard Pound, Richard McLaren und dem deutschen Kriminalbeamten Günter Younger hatte bereits im November vergangenen Jahres einen Bericht ihrer Untersuchungen vorgelegt. Darin war nachgewiesen worden, dass es in der russischen Leichtathletik systematisches Doping und Sportbetrug gegeben hat. Die IAAF suspendierte daraufhin Russlands Verband.

Bei den jetzt vorgestellten Untersuchungsergebnissen stellte sich Pound trotz aller Vorwürfe gegen den Verband hinter Sebastian Coe: „Ich kann mir keinen besseren als Lord Coe vorstellen, der das leitet. Wir drücken in dieser Hinsicht alle Daumen“, sagte der Kanadier. Coe eröffne dem Weltverband mit seinen Fähigkeiten die Chance, „unter starker Führung“ den Weg in die Zukunft zu gehen.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV), der erst am Mittwoch seine „Leichtathleten des Jahres“ gekürt hat, wird im Zuge des Doping- und Korruptionsskandals einen außerordentlichen Kongress des Weltverbandes IAAF beantragen. „Der DLV wird die Einberufung eines Kongresses fordern“, sagte DLV-Präsident Clemens Prokop am Donnerstag. „Die Vorwürfe gegen die IAAF sind so schwerwiegend, dass sie auf einer Versammlung aller Mitglieder beraten werden muss.“ Der Antrag solle am Freitag auf den Weg gebracht werden.

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