Doping-Skandal im Radsport
Kommentar: Die Telekom steht in der Pflicht

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Aldag also auch. Erst zu Beginn des Jahres hatte Rolf Aldag die sportliche Leitung bei T-Mobile übernommen. Er sollte den sauberen Neuanfang verkörpern. Jetzt das Geständnis: Wie mehrere seiner ehemaligen Telekom-Kollegen (Dietz, Henn, Bölts) gab Aldag zu, in seiner aktiven Zeit jahrelang gedopt zu haben. Der Saubermann steckt mittendrin.

Trotz aller Enthüllungen hält die Telekom am Radsport fest, bis 2010 geht das Sponsoring weiter. Die Entscheidung ist konsequent. Alles andere wäre nicht nur feige gewesen, es hätte auch alle Chancen für die Zukunft verbaut.

Zumal T-Mobile zu Beginn dieser Saison eine Null-Toleranz-Politik in Sachen Doping werbewirksam angekündigt hat. Die „neue Philosophie“, mit der Rolf Aldag als Sportdirektor vor wenigen Monaten antrat, klang viel versprechend: DNA-Kontrollen von jedem Fahrer, außerdem ein umfassendes Anti-Dopingprogramm unterstützt von unabhängigen Experten. Nicht der Erfolg, sondern sauberer Sport sollte oberstes Saisonziel sein. Jetzt ist Gelegenheit zu beweisen, dass dahinter mehr als Gerede steckt.

Sicher, der Anfang ist gemacht. Jan Ullrich wurde unmittelbar vor der Tour de France im vergangenen Jahr rausgeworfen. Die Freiburger Ärzte, die im Telekom-Team jahrelang Doping organisiert haben sollen, sind gleich nach dem ersten Verdacht suspendiert worden. Mit den Aussagen von Aldag und anderen sind weitere wichtige Schritte hin zu einem Neubeginn getan. Auf diesem Weg muss es weiter gehen.

Die Telekom ist selbst Teil des Systems, sie ist verpflichtet, die Vergangenheit aufzuklären. Seit 1991 ist der Konzern als Sponsor im Radsport dabei – damals noch unter dem Namen Team Telekom. Das frühere Staatsunternehmen gab Geld, um die besten deutschen Radfahrer unter Vertrag zu nehmen. Siege sollten her. Siege feierte das Team bei der Tour de France in den Jahren 1996 mit dem Dänen Bjarne Riis und ein Jahr später, als Jan Ullrich zum großen Held wurde. Für relativ wenig Geld erzielten die Telekom und später ihr Tochterunternehmen T-Mobile einen riesigen Werbeeffekt. Nach Ansicht von Marketingexperten hat das Engagement entscheidend zum Wandel des Unternehmens von der lahmen Behörde hin zum modernen Mobilfunkkonzern beigetragen.

Radsport gleich Telekom – die Rechnung ging lange Zeit auf. Denn Sponsor und Sportler sind viel enger miteinander verbunden als in anderen Sportarten. Im Fußball druckt der Sponsor zunächst einmal nur sein Logo auf das Trikot. Das Telekom-Radteam ist dagegen eine Werksmannschaft, gelenkt vom Unternehmen. Gut möglich, dass der Geldgeber bereits in den neunziger Jahren von Doping wusste. Hat die Telekom alles billigend in Kauf genommen? Bevor sich man aus dem Sport zurückziehen kann, müssen sich die Verantwortlichen den unangenehmen Fragen stellen.

Das Image der Telekom und ihrer Töchter könnte zurzeit ohnehin kaum schlechter sein. Mitarbeiter streiken, Anleger klagen über den schwachen Aktienkurs, Kunden beschweren sich über miesen Service. Ein Achtungserfolg im Kampf gegen Doping käme gerade recht. Sollte es tatsächlich gelingen, den Sumpf trocken zu legen, könnte sich die Telekom als Retter feiern lassen.

Und der Radsport hat nur noch diese eine Chance. Nicht die Verbandsfunktionäre und Sportpolitiker sind gefordert, sie bewirken im besten Fall nichts, im schlechtesten Fall gehören sie selbst zu den korrupten Hintermännern. Handeln müssen diejenigen, die den Sport finanzieren. Nur sie haben die Macht, die nötigen Regeln und Kontrollen durchzusetzen. Die Telekom zahlt jährlich 15 Millionen Euro für das Radsportsponsoring, das deutsche Team Gerolsteiner immerhin 8 Millionen Euro. Indem die großen Sponsoren wie die Telekom dabei bleiben, gibt es eine Zukunft für sauberen Sport.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter

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