Dopingskandal
Russische Medien bestätigen Steroid-Missbrauch

Russlands Position im Dopingskandal wackelt: Während das russische Ermittlungskomitee die Anschuldigungen der internationalen Dopingagentur WADA zurückweist, hat ein russischer Sportsender neue Zeugen gefunden.
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MoskauDer Sender „Match TV“, als Teil der staatlich kontrollierten Gazprom Media Holding des von Moskau oft beklagten „Russland-Bashing“ unverdächtig, hat den Bericht des Doping-Whistleblowers Grigori Rodtschenkow in Teilen bestätigt. Rodtschenkow, von 2005 bis 2015 Direktor des Moskauer Dopinglabors und langjähriger Chef der russischen Anti-Dopingbehörde Rusada, musste seinen Posten nach dem Vorwurf, mehr als 1.400 Urinproben russischer Leistungssportler vernichtet zu haben, aufgeben. Kurz nach seinem Rücktritt floh er in die USA, wo er zum Kronzeugen des Dopingskandals wurde: Seine Flucht begründete er mit Angst um sein Leben. Tatsächlich kamen kurze Zeit später zwei hochgestellte Mitarbeiter der Rusada ums Leben.

Rodtschenkow sprach von einem staatlich geförderten Dopingsystem in Russland und behauptete, dass 15 russische Medaillengewinner der Winterspiele in Sotschi unter Dopingeinfluss gestanden hätten. Aufgrund seiner Aussagen wurden mehrere Athleten gesperrt. Rodtschenkow rühmte sich auch als der Erfinder eines schwer nachzuweisenden „Steroid-Cocktails“, der mit Alkohol eingenommen werden müsse.

Obwohl gerade jene Alkohol-Steroid-Mischung in Moskau als unglaubwürdig eingestuft wurde – der inzwischen disqualifizierte Skilanglauf-Olympiasieger Alexander Legkow bezeichnete eine solche Mixtur als „lächerlich“ – hat Match TV nun zwei russische Athleten und einen Sportmanager gefunden, die das Vorhandensein und die Verabreichung des ominösen Cocktails bestätigten. Laut den anonym gehaltenen Zeugen handelt es sich bei dem Cocktail allerdings nicht um ein Getränk, sondern um eine Tablettenmischung.

„Man musste die Dosis individuell wählen, indem man die Tablette oder einen Teil davon im Mund mit einer kleinen Portion Alkohol, buchstäblich einem halben Schluck, zergehen lässt“, der Effekt sei „sehr stark“ gewesen, bei ihm habe bereits nach einer Tablette eine Muskelversteifung eingesetzt, erinnerte sich ein Athlet, den Match TV als Nikolai bezeichnete. Der Sender präsentierte drei unbeschriftete kleine Dosen, in denen die Steroide gelagert wurden. Unterschieden wurden sie nur durch die verschiedenfarbigen Deckel – blau, braun und orange.

Laut Nikolai mussten die Mittelchen abwechselnd genommen werden. „Sie waren nicht für jeden Tag, sondern nach Gefühl, wenn Du müde wurdest, um den Regenerationsprozess zu beschleunigen. Sozusagen eine punktuelle Anwendung“, sagte er.

Eine Sportlerin – als Olga bezeichnet – sagte ebenfalls aus, dass ihr die Mittel gegeben worden seien. „Ich habe sie kostenlos bekommen mit der Anweisung, wie sie zu nehmen sind, aber ich habe sie nicht getrunken. Ich habe sie entgegen genommen, genickt, gelächelt und später behauptet, dass ich sie trinke, aber ich habe sie nicht getrunken“, erklärte sie. Ihr seien die Dosen ohne Etikett komisch vorgekommen, auch wenn sie erst später, nach dem Bekanntwerden des Dopingskandals begriffen habe, was darin war. Ihren Angaben nach verfuhr noch eine ihr bekannte weitere Sportlerin ebenso wie sie.

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