Eine Bobfahrt mit Olympiasieger Andre Lange
Zentrifugal-Qual im Eiskanal

Am Freitag lädt Stefan Raab zur fünften Auflage der Wok-WM. Bob-Pilot André Lange steigt mit dem Entertainer in die Pfanne. Doch das ist kein Vergleich zu einer Fahrt in einem richtigen Bob mit dem dreifachen Olympiasieger. Eine Reportage.

KÖNIGSSEE. „Man sah rote, angestrengte Gesichter, in die es hineinschneit. Stürze, Schlitten, die aneckten, sich überschlugen und ihre Mannschaft in den Schnee entleerten.“ So beschrieb Thomas Mann in seinem Zauberberg die Gefahren des in der Schweiz von Engländern entdeckten Sports. Wenig Vertrauen erweckend.

Am Tag, bevor ich mich in einen Bob wage, machen sich André Lange und Wolfgang Hoppe den Spaß, die Journalisten mit Schauergeschichten in tiefstem Thüringisch zu unterhalten. Wie die vom Tschechenbob damals in Cortina, als der Fahrer beim Start schwächelte, die Kollegen aber trotzdem in den Bob sprangen. Nummer drei und vier bekamen es unterwegs mit der Angst zu tun und seilten sich in den Eiskanal ab. Nummer zwei kletterte erst auf den Pilotensitz, brachte das Ding irgendwie runter, um im Ziel auf Position vier zu rutschen, um auch noch die Bremsen zu betätigen.

Die Journalisten quälen sich ein Lachen ab. Kopfschmerzen seien das Mindeste, was uns morgen erwarte, verspricht Lange. Lange hat es als erster nach Hoppe geschafft, bei Olympia im Zweier und im Vierer die schnellste Zeit fuhr. Hoppe trägt einen Cowboyhut, auf dem „Calgary 1988“ gestickt ist, damals gewann er zwei Mal Silber. Hoppe gilt als der erfolgreichste Bobpilot aller Zeiten, Lange ist auf dem Weg dahin.

Drei Mal war Lange bei Olympia Erster, sechs Mal bei einer WM. Er kennt alle 15 Bobbahnen dieser Welt. Altenberg und Cesana mag er, Lake Placid sei „berüchtigt“. Die sensationslüsternen US-Architekten hätten die Bahn so gebaut, dass sie jeden Fehler bestraft. Hoppe nennt Lange Bärchen, weil er ein wenig pummelig war, als er noch rodelte.

Heute ist Lange einer, zu dem ich gerne in den Bob steige, wenn es schon sein muss. Er hat die Ruhe weg.

Am nächsten Morgen ist er längst an der Bahn, als wir dort eintreffen. Er weist uns in die Geheimnisse seines Sportgerätes ein, erzählt, dass es 1899 der Engländer Wilson Smith gewesen sei, der zwei Skeletons mit einem Brett verband, eine Lenkvorrichtung anbrachte und als Bremse einen Gartenrechen verwendete. Heute reden sie im Fernsehen immer davon, dass so ein Schlitten mit High-tech voll gestopft sei, für mich beschränkt sich Langes Bob auf das Wesentliche. Die Außenhaut aus Kohlefaser hat er sich von der Berliner FES-Schmiede entwerfen lassen. Das Innere – zweckmäßig und eng, keine Polster, kein Airbag, keine Sitzheizung. Und auch die Lenkung besteht nur aus einem einfachen Seilzug, mit dem er das Gefährt durch das Labyrinth zu steuern versucht. Nur im Notfall müsse er daran mit voller Kraft ziehen. Die Kufen haben ein Spiel von 15 Grad nach links und rechts, das ist alles. Wenn der Bob einmal losgelassen sei, könne ihn nichts mehr aufhalten, sagt Lange. Ich muss an den Tschechenbob denken.

Ein Mensch aus der Region reicht uns Zettel, auf denen „Haftungsausschluss“ steht. Lange sagt, dass jemand mit Rückenproblemen oder Bandscheibenschäden auf gar keinen Fall mitfahren solle. Mit 5G, dem fünffachen des Körpergewichts, würden wir in die Echowand, die letzte Kurve vor dem Ziel, gepresst. Mehr wolle er noch nicht verraten. Die letzten Zweifel beseitigt er mit dem Satz, dass auch Leute ohne Talent den Bob runter brächten. Aber er habe ja schon ein bisschen Talent. Ich unterschreibe.

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