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Eishockey-Pionier Gerhard Kießling wird 85

Er war Staatstrainer in der DDR, brachte Walter Ulbricht das Schlittschuhlaufen bei und arbeitete nach seiner Flucht in den Westen als Bundestrainer. Heute feiert Eishockey-Legende Gerhard Kießling seinen 85. Geburtstag.

Ein Platz in der "Hall of Fame" des internationalen Eishockeys wäre für Gerhard Kießling anlässlich seines 85. Geburtstages am heutigen Samstag genau das richtige Geschenk. "Das müsste doch die normale Sache sein, auf diese Weise an den Mann zu erinnern, der in ganz Deutschland beim Aufbau des Eishockeysports eine Wahnsinnsarbeit geleistet hat", sagt der Jubilar gerade heraus, wie es schon immer seine Art gewesen ist.

Sohnemann Udo, der mit 320 Länderspielen für die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) einen Rekord für die Ewigkeit hält, wurde die große Ehre in Toronto schon zuteil. Kießling senior, der in der DDR als Staatstrainer wirkte, Walter Ulbricht das Schlittschuhlaufen beibrachte und nach seiner Flucht in den Westen 1957 später Bundestrainer wurde, muss sich weiter gedulden.

1960 "eine meiner größten Enttäuschungen"

"Vielleicht wird's zu meinem 100. was", scherzt der Mann mit der einzigartigen Karriere im geteilten Deutschland. Bei den Spielen in Squaw Valley 1960 wäre wegen Kießling fast die erste gemeinsame deutsche Olympia-Mannschaft geplatzt. Die DDR-Funktionäre setzten bei der Delegation aus dem Westen durch, dass der "Republikflüchtling" aussortiert wurde. Für Kießling "eine meiner größten Enttäuschungen".

Alles, was früher Rang und Namen hatte im deutschen Pucksport, von Alois Schloder über Lorenz Funk bis Erich Kühnhackl, hatte "Kieß" unter seinen Fittichen. Durch die Schule des gebürtigen Sachsen ist selbst noch der aktuelle Bundestrainer Uwe Krupp gegangen, bis heute der einzige deutsche Crack, der den Stanley Cup in der nordamerikanischen Profiliga NHL gewann (1996 mit Colorado Avalanche).

Garten und Sauna

Seit Kießling 1991 letztmals verantwortlich hinter der Bande stand (beim EHC Dynamo Berlin), genießt er zu Hause in Mittenwald am Karwendel das Leben als Pensionär. Dabei hält er sich bei der Arbeit in seinem 1 500 Quadratmeter großen Garten und mit regelmäßigen Saunagängen körperlich und geistig fit. Seinen Geburtstag wird er im engsten Familienkreis mit Frau Lore, Tochter Ute, Enkel Thomas und natürlich mit Musterschüler Udo begehen.

Nun, da er sich im fortgeschrittenen Alter befindet, räumt Kießling mit mancher Legende auf. 1974 sei er nicht etwa wegen des dritten Platzes bei der B-WM und des verpassten Aufstiegs als Bundestrainer zurückgetreten. Der eigentliche Grund war das magere Gehalt. Deswegen wechselte er freiwillig in den besser bezahlten Alltag bei den Klubs. Zunächst gelang Kießling 1975 mit Rosenheim der Aufstieg in die Bundesliga, mit dem Kölner EC holte er 1977 und 1979 zwei Titel. Mit dem Berliner Schlittschuh-Club und der Düsseldorfer EG reichte es zu drei Vize-Meisterschaften.

Vater der Olympiamedaille von 1976

"Das Einkommen beim Verband stand damals in keinem Verhältnis zu meinem Aufwand. Das war keine gesunde Basis. Ich hatte zum Beispiel für alle Nationalspieler persönliche Trainingspläne gemacht und bin kreuz und quer zu jedem Einzelnen gefahren und habe mich vergewissert, wie die Vorgaben umgesetzt werden", erinnert sich Kießling. Xaver Unsinn, sein Nachfolger beim Nationalteam, profitierte von der Vorarbeit des gebürtigen Sachsen. Der Mann mit dem Pepita-Hut führte die DEB-Auswahl 1976 bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck sensationell auf Platz drei, neben Bronze von 1932 die einzige olympische Medaille für das deutsche Eishockey.

"Unsinn hatte damals Riesenglück, dass er von mir eine fertige Mannschaft übernommen hat, die ich über Jahre konsequent aufgebaut habe. Ich habe ihm diese Bronzemedaille praktisch auf dem Silbertablett serviert. Die Öffentlichkeit hat leider kaum davon Kenntnis genommen, wer den Grundstein für diese Medaille gelegt hatte", meint Kießling. "Aber das tut heute nicht mehr weh, das ist alles lange her und Geschichte."

Ulbricht von Beginn an fasziniert

Begonnen hatte die ungewöhnliche Laufbahn des aus Meerane stammenden und nebenan in Frankenhausen nahe Crimmitschau groß gewordenen Kießling im Jahr 1950, als Ulbricht zufällig ein Match der "Kieß"-Truppe gegen Weißwasser besuchte. Den prominenten Zuschauer faszinierte der Sport augenblicklich, so dass er den Kapitän des siegreichen Teams zum Staatstrainer machte.

Der gelernte Bäckermeister Kießling durfte in Leipzig, Moskau, Petersburg und Prag Sport studieren und sich zum Eishockey-Akademiker ausbilden lassen. Mit dem fünften Platz bei der A-WM 1957 feierte er seine beste Platzierung mit der DDR-Auswahl.

"Schon damals gab es Anhaltspunkte dafür, dass dieser Sport keine großen Perspektiven mehr hat. Eishockey sollte nur noch unter dem Dach der Armee und von Dynamo gefördert werden, und man wollte auch mich in so eine Kluft reinstecken", erinnert sich der gesamtdeutsche Eishockey-Pionier und betont: "Meine Flucht hatte rein sportliche Gründe."

© SID

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