Eisschnelllauf National
CAS verhandelt Fall Pechstein

Der Internationale Sportgerichtshof verhandelt die Berufungsverhandlung von Olympiasiegerin Claudia Pechstein, die vom Eislauf-Weltverband zwei Jahre wegen Dopings gesperrt wurde.

Rehabilitiert oder ruiniert: In der noblen Avenue de Beaumont in Lausanne geht es für die fünfmalige Olympiasiegerin Claudia Pechstein um alles oder nichts. 111 Tage nach Bekanntgabe ihrer zweijährigen Dopingsperre durch den Eislauf-Weltverband ISU beginnt heute Abend die Berufungsverhandlung vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS. Auf dem Spiel stehen ihr Ruf, ihre Karriere, ihr Beamtenstatus als Bundespolizistin und ihr Traum von den Winterspielen in Vancouver 2010.

Doch auch für die gesamte Sportwelt fällt das dreiköpfige Schiedsgericht im prachtvollen Chateau de Bethusy, in dem der CAS residiert, womöglich die bedeutendste Entscheidungen seit dem ersten Richterspruch der Institution vor 23 Jahren.

ISU-Kontrolleure am Montag bei Pechstein

IOC-Präsident Jacques Rogge bezeichnet den Fall als "Lackmus-Test, ob das Langzeit-Profil von der internationalen wissenschaftlichen Gemeinde bestätigt wird". Die zentralen Fragen neben der nach Pechsteins Schuld lauten: Dürfen künftig Sperren verhängt werden, ohne dass ein positiver Dopingtest vorliegt? Und wer trägt die Beweislast? Ankläger oder Angeklagter?

Claudia Pechstein musste sich zu Beginn der Woche zunächst mit profaneren Dingen befassen. Am Montag, so berichtet ihr Manager Ralf Grengel, standen ISU-Kontrolleure vor ihrer Tür und verlangten einen Dopingtest. Grengel: "Scheinbar hält es die ISU selbst für möglich, dass Claudia schon bald wieder starten darf. Warum sollte der Verband sonst einen Test veranlassen?"

Blutproben wurden nicht korrekt untersucht

Unumstößliche Beweise, etwa den Nachweis einer Blutanomalie oder eine Krankheit, konnte Pechstein bislang nicht präsentieren. Auf jeden Fall wird sie die Schiedsrichter in Lausanne mit Hinweisen auf angebliche Verfahrensfehler, die der ISU im Zusammenhang mit der Handhabung ihrer Blutproben unterlaufen sein sollen, förmlich bombadieren.

Die jüngsten Details, die die Pechstein-Seite veröffentlichte, könnten die ISU in der Tat vor schwerwiegende Probleme stellen. Keine der vier bei der Verhandlung relevanten Blutproben Pechsteins sollen von der ISU korrekt protokolliert worden sein. Angeblich vorgeschriebene Kalibrierungsprotokolle der Messvorrichtung fehlten völlig, mit Ausnahme der Messung während der WM im Februar in Hamar, bei der aber ausgerechnet der Retikulozytenwert nicht mitgemessen wurde. Protokolle über Kontrollprobenmessungen legte die ISU angeblich gar nicht vor, vom Weltcup 2008 in Hamar soll sogar das Messprotokoll von Pechsteins Probe fehlen.

Pechstein will Offenlegung aller Dokumente

"Das Mindeste, was ich als Beschuldigte vom Weltverband erwarten darf, ist die Offenlegung aller Dokumente, die mich angeblich belasten. Und wenn das nicht gewährleistet ist, wird der CAS das zu werten haben", ließ die 37-jährige Berlinerin am Dienstag über Grengel ausrichten: "Sollte es hier Lücken geben und die Sperre dadurch aufgehoben werden, wäre dies für mich keineswegs ein Freispruch zweiter Klasse."

Neben zwei analytischen Gutachten reichte das Pechstein-Lager auch sechs medizinische Expertisen beim CAS ein, "von verschiedenen Professoren, die zum Teil zu den absoluten Experten im Anti-Dopingkampf zählen und deren Kernaussagen der ISU nicht gefallen dürften", wie Pechstein behauptet. Ihr sei völlig unklar, warum die ISU Anklage gegen sie erhoben habe, ohne im Vorfeld anhand von weitreichenden Untersuchungen eine mögliche Blutabnormalität auszuschließen: "Hier wurde grob fahrlässig gehandelt, und ich bin die Leidtragende."

CAS-Mediziner "zuversichtlich"

Ob der Weltverband in diesem Punkt allerdings überhaupt einer Beweispflicht unterliegt, wird einer von vielen schwierigen Aspekten sein, die der CAS zu beleuchten hat. Wie die Beweislastfrage ausgelegt wird, sagt Dosb-Präsident und IOC-Vize Thomas Bach, darüber könne man "juristische Bibliotheken füllen".

Die jüngsten Vorwürfe wollte Harm Kuipers, für den Fall verantwortlicher Mediziner beim CAS, auf SID-Anfrage nicht kommentieren. "Ich bin zuversichtlich", sagte der ehemalige Eisschnellläufer. Im Interview mit der niederländischen Fachzeitschrift "Schaatssport" veranschaulichte Kuipers seine Sicht der Dinge: "Wenn man beweisen kann, dass ein Haus brennt, ohne dass ein Blitz eingeschlagen hat oder die Elektrik kaputt war, muss Brandstiftung vorliegen."

© SID

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