Ernüchternde Bilanz für Friesinger
Die Summe von vielen Kleinigkeiten

Die deutsche Eisschnellläuferin verzichtet auf den abschließenden 5000m-Wettbewerb, um sich für das Weltcup-Finale und die Allround-WM zu schonen.

HB TURIN. Das angekündigte "Frust-Saufen" im Turiner Nachtleben fiel aus, doch gut geschlafen hat Anni Friesinger nach der bittersten Niederlage ihrer Karriere nicht. Die Frage nach den Gründen für ihr Scheitern überschattete aber nur für wenige Stunden den Gold-Glanz vom Team-Rennen. "Das Lächeln ist mir gestern in der Mixed-Zone richtig schwer gefallen, doch von Stunde zu Stunde bin ich zufriedener mit diesen Spielen", meinte die Eisschnelllauf-"Königin", der im Oval Lingotto gnadenlos die Krone vom Haupt gerissen wurde. Ihre Tränen an der Brust des Trainers rührten sieben Millionen Deutsche vor den Fernseh-Geräten.

Ein Mal Bronze und zwei Mal Vierte - so die ernüchternde Bilanz der drei Einzel-Rennen, in die sie jeweils als Gold-Favoritin gegangen war. Die 5000 Meter sagte sie am Donnerstag wie erwartet ab, um sich für das Weltcup-Finale in Heerenveen und die Allround-WM in Calgary zu regenerieren. "Wenn ich die 5000 hier gelaufen wäre, hätte ich Heerenveen und Calgary gleich abhaken können. Ich gebe mich aber nicht geschlagen. Jetzt will ich die Weltcups über 1000 und 1500 Meter nach Hause holen", sagte sie nach dem "Wundenlecken" wieder kämpferisch. Sie wird nun vorzeitig abreisen und einige Tage auf dem Bauernhof ihres Freundes Ids Postma die "Seele baumeln lassen".

Die quälendste Frage nach den Gründen wird wohl nie mehr schlüssig beantwortet werden. "Wenn wir das wüssten, hätten wir danach gehandelt", meinte Coach Markus Eicher. Die trockene Luft, der Dauer- Husten, die "verklebten" Muskeln, die schweren Beine - alles Argumente, die kaum ziehen, weil auch andere Konkurrentinnen mit den Bedingungen im Oval Lingotto fertig werden mussten. Vielleicht seien es auch trainingsmethodische Fehler gewesen, räumte Eicher ein.

"Der Druck war es jedenfalls nicht, der war vor vier Jahren viel stärker", fügte Anni Friesinger hinzu. "Ich kann mir nichts vorwerfen. Ich gehe nicht einfach ins Bett, sondern grübele und überlege. Sicher war es eine Summation von Kleinigkeiten. Irgendwie haben einige Rädchen nicht ineinander gegriffen." Und trotzig meinte sie: "Ich fühle mich nicht als Verliererin. Die wäre ich nur ohne Medaille gewesen."

Durch ihre Niederlagen droht nun den deutschen Eisschnellläufern vor den abschließenden 5000 Metern am Samstag das schlechteste Abschneiden bei Olympia seit 30 Jahren. Dies zeigt aber auch, dass die Erfolge der Vergangenheit auf sehr wackligen Füßen stehen. "Wir müssen zugeben, dass es uns nicht gelungen ist, eine zweite und dritte Reihe in die Anschluss-Leistung zu bringen", konstatierte Verbands-Präsident Gerd Heinze. Die Dominanz der "Alten" habe dem Nachwuchs nicht genug Luft gegeben. "Wir haben viele Talente. Aber da muss mehr Drive dahinter", forderte Anni Friesinger. "An den Rahmenbedingungen hat es nie gefehlt", fügte Heinze hinzu.

Ausgerechnet der neu ins Programm genommene spektakuläre Team- Wettbewerb hat in Turin die Bilanz gerettet. "Wer hätte vor vier Jahren gedacht, dass wir uns so zusammen raufen. Wir sind die ersten Olympiasieger im Team-Rennen: Diesen historischen Augenblick kann uns keiner nehmen. Wer weiß, ob wir jemals wieder so ein gutes Team zusammen bekommen, wenn einige ältere Damen aussteigen", bezweifelte Friesinger.

Unmittelbar nach ihrem Pleiten-Rennen waren die Diskussionen über Sinn oder Unsinn des Team-Rennens entbrannt. "Eigentlich war immer klar, dass ich nur zwei Läufe bestreite, dann wurden es drei. Aber ich bereue dennoch nichts", tröstete sich die Inzellerin. "Eine Garantie hätte uns niemand gegeben, dass es mit einem Rennen weniger mit dem Einzel-Gold geklappt hätte", sagte Eicher. In vier Jahren wird es diese Diskussion nicht mehr geben, denn in Vancouver wird der Zeitplan geändert und der Team-Wettkampf ans Ende der Spiele verlegt.

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