Franzosen fassungslos
Ein bitterer Tag für Chirac

Mit tiefer Enttäuschung und Fassungslosigkeit haben die Pariser auf die Vergabe der Olympischen Spiele 2012 an London reagiert. Eine „herbe Enttäuschung“, sagte der französische Sportminister Jean-François Lamour. Präsident Jacques Chirac, der sich in Singapur noch persönlich für Paris eingesetzt hatte, wahrte die Form und gratulierte kurz und knapp: Er wünsche den Briten „viel Glück und einen vollen Erfolg bei der Veranstaltung der XXX. Olympiade“, hieß es in einem Kommuniqué des Élysée-Palastes.

HB PARIS. Französische Sportler und Funktionäre gaben jedoch zu verstehen, dass bei der Entscheidung vielleicht doch andere als rein sportliche Motive mitgespielt hätten. Dieses Ergebnis zeige, dass das IOC britisch ausgerichtet sei, sagte der Basketball-Star Tony Parker. „Wir haben alles getan, was man tun musste, um die Spiele zu bekommen.“

Beim G8-Treffen in Gleneagles muss Chirac zu allem Übel noch seinem Erzrivalen, Premierminister Tony Blair aus London, gratulieren. „Ein weinender Jacques und ein lachender Tony“ werden sich in Schottland gegenübersitzen, meinten Fernsehkommentatoren am Mittwoch in Paris. Der festgefahrene Streit zwischen Großbritannien und Frankreich über die EU-Finanzen macht das Debakel nur noch schlimmer. Das Verhältnis zwischen Blair und Chirac ist eisig und Chirac muss sich in Gleneagles bemühen, gute Mine zum bösen Spiel zu machen.

Die Stadt Paris hatte bis zum letzten Augenblick fest an ihre Favoritenrolle geglaubt. Besonders hart ist die Absage für Chirac, der schon durch das abgelehnte EU-Referendum schwer angeschlagen und so unpopulär wie noch nie ist. Von diesem neuen Tiefschlag dürfte er sich bis zum Ende seiner Präsidentschaft 2007 kaum erholen. Die Franzosen, durch Konjunkturschwäche und fehlende Jobs in gedrückter Stimmung, hatten sich für die nächsten Jahre wirtschaftlichen Auftrieb mit Investitionen versprochen, eine hochwillkommene Aufmunterung in diesen kargen Zeiten, wo die Angst vor Jobverlust die Runde macht.

Paris hatte sich nach zwei misslungenen Bewerbungen mit besonderer Sorgfalt auf die Kandidatur für 2012 vorbereitet. Dabei hat die olympische Prüfungskommission die Stadtväter in ihrem Glauben an einen Sieg bestärkt. Sie vergaben Paris für seine Präsentation Bestnoten. Auch die letzte und entscheidende Vorstellung in Singapur ging perfekt organisiert und ohne falsche Töne über die Bühne. Der Werbefilm von Luc Besson überzeugte die IOC-Mitglieder, die sogar Beifall klatschten - eine seltenes Zeugnis von Sympathie, wie Eingeweihte wissen wollten.

Paris hatte sich 2001 erfolglos beworben, als die Spiele 2008 an Peking vergeben wurden und 1986 in Lausanne, als Barcelona für die Spiele 1992 ausgewählt wurde. Aus den Fehlern der Vergangenheit haben die Stadtväter, Politiker und Sportfunktionäre die Lehren gezogen - sie sind diesmal bescheidener auftreten und haben sich auf mögliche Fangfragen vorbereitet. Doch die von den Franzosen kritisieren und sind überzeugt, dass die aggressive Lobby-Arbeit der Briten sich in Singapur ausgezahlt hat.

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