Frisches Grün
In Wimbledon hält die Moderne Einzug

Das englische Wetter ist der natürliche Feind eines Tennisturniers. Etliche Partien auf dem Traditionsrasen in Wimbledon mussten bisher nach einem Regenschauer oder einbrechender Dunkelheit vorzeitig beendet werden. Mit modernisierten Anlagen wollen die Veranstalter nun die Fernsehsender zufriedenstellen und neue Sponsoren gewinnen.

LONDON. Es gibt kein Land, in dem sich die Liebe zu Freiluft-Aktivitäten so sehr mit einem notorisch unzuverlässigen Wetter verbindet wie in England. Stoisch putzt sich der Engländer heraus und begibt sich auf die Wiese, sei es für Pferderennen, Oper oder zum Picknick. Passend dazu ist die Leidenschaft für wetterempfindliche Sportarten. Wimbledon etwa gilt als das schönste Tennisturnier der Welt – berühmt ist es aber auch für seine Regenpausen, die dem Sport eine zusätzliche psychologische Komponente geben.

So war es ein kulturelles Wagnis, als der Centre Court von Wimbledon ein bewegliches Dach als Regenschutz erhielt. Mit Skepsis erwarteten die Fans den ersten Einsatz des viele Mio. Euro teuren technischen Wunderwerks. Würde es dem Centre Court seinen Zauber nehmen? Eine ausnehmend beständige erste Turnierwoche steigerte die Spannung, doch am Montagnachmittag zur Tea Time war es endlich soweit: Regen!

Das Achtelfinal-Match zwischen der Weltranglisten-Ersten Dinara Safina und der Französin Amélie Mauresmo wurde unterbrochen. Dann verrenkten sich die rund 10 000 Zuschauer auf dem Centre Court die Hälse: Das weiße Stahlgestänge bewegte sich langsam von beiden Seiten auf die Mitte zu. Es dauerte zwar eine gute halbe Stunde, bis die Halle ausreichend klimatisiert war, doch dann ging das Spiel unter einer erstaunlich tageslichtähnlichen Beleuchtung weiter.

Das neue Dach macht das Turnier von Wimbledon ein Stück berechenbarer: Die internationalen Fernsehsender werden froh sein, dass die Top-Spiele nicht mehr regelmäßig wegen Regens oder einbrechender Dunkelheit abgebrochen werden müssen. Der eine oder andere Zuschauer mag über verlorenen Charme nörgeln – doch wird sich insgeheim freuen, für seine Tageskarte für umgerechnet mehr als 80 Euro das ganze Spitzenspiel gesehen zu haben. Das werden auch Unternehmen schätzen, die teure Dauerkarten kaufen, um geschätzte Kunden zu erfreuen.

Das Dach ist ein weiteres Zugeständnis an kommerzielle Erfordernisse. Der Veranstalter, The All England Lawn Tennis Club, beweist, dass er Tradition und Geschäft zu vereinen weiß. Seit 1877 veranstaltet er das Turnier. Für 1879 wies er einen ersten Überschuss von 116 Pfund aus. Seit den Achtzigerjahren ist das Turnier ein großes Geschäft: 25,7 Mio. Pfund Überschuss hat es 2008 eingespielt. 2009 sollen es dank erweiterter Sitzkapazität noch mehr werden. Fast die gesamte Summe geht an den englischen Tennisverband.

Von einer Krise sei im Tenniszirkus nichts zu spüren, heißt es bei den Veranstaltern. Nur wenige Sponsoren aus der zweiten und dritten Reihe hätten sich zurückgezogen. Spitzenturniere wie Wimbledon florierten. So konnte es sich der ehrwürdige Club leisten, eine kräftige Preiserhöhung für seine spezielle Form von Dauerkarten zu beschließen. Die sogenannten „Debentures“ sind handelbare Anleihen, die dem Besitzer fünf Jahre lang für jeden Turniertag einen reservierten Sitz im Centre Court und Zugang zu einer Lounge sichern. Ihr Preis steigt ab 2011 um 19 Prozent auf umgerechnet 32 200 Euro. Passt das in die Zeit? Die Warteliste sei lang, teilt der Club mit.

Mit den Einnahmen aus den Debentures haben die Veranstalter den Centre Court für 75 Mio. Pfund ausgebaut; er fasst jetzt 15 000 Zuschauer. Zudem hat der neue Platz Nummer 1 mit knapp 12 000 doppelt so viele Sitzplätze wie zuvor. In diesem Jahr gab auch der neue Platz Nummer 2 mit 4 000 Sitzen seine Premiere. Ein auf 2 000 Plätze erweiterter Platz Nummer 3 soll folgen.

Seite 1:

In Wimbledon hält die Moderne Einzug

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%