Für die Kanadier zu schwach
Der Missionar der kurzen Strecke

Von den Kanadiern ausgemustert, versucht der Short-Tracker Tyson Heung sein Glück nun im deutschen Team. Er ist halb Deutscher, halb Chinese, mit kanadischem Pass und will Deutschland für den Short-Track begeistern.

TURIN Einen Moment lang scheint er greifbar, der Meilenstein. Se-Jong Oh, großer Favorit im Short Track, strauchelt, der deutsche Außenseiter Arian Nachbar scheint zu profitieren. Doch der Koreaner fängt sich und bringt den Halbfinallauf im 5 000-Meter-Staffellauf zum erfolgreichen Ende. "In dem Moment hatten wir den Finaleinzug vor Augen", hadert Nachbar - es wäre ein Schritt in Richtung Rampenlicht gewesen.

Von ihren Misserfolgen abgesehen, genießen Deutschlands Short Tracker ein geradezu angenehmes Leben in Turin. Fast unbehelligt von den Medien bereiten sie sich in aller Ruhe auf Wettbewerbe vor, nach ihrem meist frühen Ausscheiden gibt es kaum kritische Fragen. So lebt es sich halt als Randsportler - obwohl der Eisschnelllauf auf der Größe eines Eishockeyfeldes zum Spektakulärsten gehört, was die Winterspiele zu bieten haben.

Doch all das soll sich ändern. Noch erregt Short Track nur in Korea und China breite Aufmerksamkeit, sportlich kann allein Kanada auf breiterer Front mit den Asiaten mithalten. Und ein Amerikaner: Apolo Anton Ohno, der 23-jährige Superstar. Neben Gold über die 1 500 Meter, gewann er vor vier Jahren auch olympisches Silber über 1 000 Meter.

So einen im Team hätte auch Tyson Heung gern. Der Sohn eines Chinesen und einer Deutschen, die mit ihren Eltern im Alter von drei Jahren nach Kanada auswanderte, ist der deutsche Missionar in Sachen Short Track. Heung besitzt die kanadische und die deutsche Staatsbürgerschaft, doch in die Heimat seiner Mutter kam er vergangenes Jahr zum ersten mal. Trotzdem spricht er passabel deutsch.

Heung wagte diesen Schritt, weil er sich in den ersten zweieinhalb Jahren seiner Profilaufbahn nicht im kanadischen Nationalteam etablieren konnte: "Sie sind einfach zu stark. Allein im Großraum Montreal gibt es ungefähr so viele Short Tracker wie in ganz Deutschland." Auf der Suche nach Alternativen besann er sich seiner Abstammung. Auf Anhieb ist er nun in Turin der Frontmann der deutschen Short Tracker. Es ist sein erstes bedeutendes internationalen Turnier. Im Athletendorf sorgt das für kuriose Treffen mit Ex-Teamkollegen: "Manche habe ich ein Jahr lang nicht gesehen. Begegne ich ihnen jetzt in meiner deutschen Teamkleidung, schauen sie mich an und können nicht glauben, dass ich es bin."

Nett, bescheiden, sympathisch: Heung wäre der Richtige, um seinen spektakulären Sport in Deutschland vom Randdasein zu erlösen. Er müsste nur schneller laufen: Am Sonntag schied er über 1 500 Meter schon im Vorlauf aus. Auch das Finale im 5000-Meter-Staffelwettbewerb wurde verfehlt. Und wieder hat es kaum jemand mitbekommen. Die nächste Chance für mehr Publicity steht Samstag Abend an: Dann geht es über die 1 000-Meter-Distanz.

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