Geprägt ist Pierce vor allem von den Tiefs in ihrem Leben
Die letzte Diva setzt sich durch

Mary Pierce inszeniert sich gerne - doch das Publikum bei den French Open hat die Finalistin inzwischen lieb gewonnen.

PARIS. Ihr Leben ist ein Film. Und sie ist Regisseurin und Hauptdarstellerin in einem. Mary Pierce ist die letzte Diva im Damentennis. Sie weiß sich zu inszenieren. Auf dem Platz ist sie graziös, stolz und majestätisch. Mit ihrem langen Zopf und durchgedrücktem Kreuz flaniert sie über den Platz. Bis sie aufschlägt, vergeht viel Zeit. Erst wird die Linie weiß geputzt, dann muss es ganz still sein und niemand darf sich rühren. Auch im Viertelfinale der French Open gegen Lindsay Davenport hat sie das bis zur Perfektion betrieben, was der US-Amerikanerin nur eine müdes: "So ist Mary eben", wert war.

Doch die Diva hat Erfolg. Die 30-Jährige besiegte Davenport und setzte sich auch gestern im Halbfinale gegen die Russin Elena Lichowtsewa 6:1, 6:1 durch. Am Samstag im Endspiel trifft sie auf die Belgierin Justine Henin-Hardenne, die Nadja Petrowa aus Russland 6:2, 6:3 besiegte. Zwei Grand-Slam-Siege hat Pierce bisher gefeiert: 1995 in Melbourne und 2000 in Paris.

Geprägt ist Pierce jedoch vor allem von den Tiefs in ihrem Leben. Von ihrem Leid und ihrer Schwierigkeit mit der eigenen Identität. Geboren wurde sie in Montreal als Tochter einer französischen Mutter und eines US-amerikanischen Vaters. Und Jim Pierce, ihr Vater, hat ihr Leben lange Zeit bestimmt. Er hat sie zwar gefördert und zum Profitennis gebracht, aber mit fragwürdigen Mitteln. Jim Pierce hat seine Tochter mehr gezüchtigt als trainiert. Auf den Tennisplätzen der Welt ist er als Choleriker berühmt geworden. Alles und jeden hat er beschimpft und beleidigt, was die WTA, die Tennisorganisation der Frauen, dazu veranlasste, den so genannten "Jim-Pierce-Paragraphen" zu erlassen. Demnach kann eine Spielerin bestraft werden, wenn einer ihrer Repräsentanten, Trainer oder Familienangehörigen dem Tennis schadet. Nicht nur deshalb hat sich Pierce, als sie gerade 18 Jahre geworden war, von ihrem Vater losgesagt. Mit einer Unterlassungsklage verbot sie ihm, sich ihr zu nähern oder sie zu Turnieren zu begleiten. Von der WTA erhielt er Hausverbot. Pierce hatte so große Angst vor ihrem Vater, dass sie 1994 nicht in Wimbledon antrat.

Mittlerweile ist Jim Pierce 68 Jahre alt und neu verliebt. "Seine neue Frau kocht sehr gut, und wir essen fast jeden Tag Mittag zusammen", sagte eine gereifte und entspannte Mary Pierce in Paris. Ab und zu schaue ihr Vater beim Training vorbei. Ihr Verhältnis zu ihm hat sich entspannt. Genau wie zu ihrem französischen Publikum. Auf dem Center Court wurde sie nicht immer nur bejubelt. Für die Franzosen war Pierce immer dann Französin, wenn sie Erfolg hatte. Spielte sie schlecht, dann war sie vor allem Amerikanerin. Als sie 2000 den Titel in Paris gewann, ärgerte sie ihre Landsleute bewusst, als sie bei ihrer Dankesrede nach ein paar französischen Sätzen schnell ins Englische wechselte.

Doch inzwischen hat Paris seine Mary wieder lieb. Gestern feierte das Publikum ausgelassen ihren Finaleinzug. Vielleicht spricht sie ja im Falle ihres Sieges am Sonnabend ausschließlich Französisch.

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