Gewachsene Gelassenheit und ein Sieg
Jan Ullrich gewinnt Zeitfahren bei der Tour de Suisse

Dieses Mal will er sich nicht überanstrengen. Einen Etappensieg würde er schon mitnehmen, hat Jan Ullrich vor der Tour de Suisse gesagt. Gestern gewann er dort das Zeitfahren und übernahm das Gelbe Trikot des Gesamtführenden. Aber die Rundfahrt gewinnen wie vor einem Jahr will Ullrich nicht.

HB BERLIN. Nach seinem Sieg kurz vor der Tour de France war er krank geworden, wieder konnte er Lance Armstrong nicht schlagen und wurde nur Vierter. "Ich will in der Schweiz vor allem meine Bergfestigkeit prüfen", sagt Ullrich, der sehr zufrieden mit seiner Verfassung wirkt. "Ich will jetzt Rennen fahren, vom Training habe ich die Nase voll."

Gute Stimmung verbreiten Ullrich und sein Betreuer Rudy Pevenage vor jeder Tour de France, trotz der sonst üblichen kleinen Rückschläge wie Erkältungen oder Gewichtsprobleme. Die blieben in diesem Jahr weitestgehend aus, das ist ein Grund für die Zuversicht. Vor allem lässt sich aus Ullrichs Äußerungen vor dem letzten Showdown gegen Armstrong aber gewachsene Gelassenheit herauslesen. Seine Karriere würde unvollständig bleiben, wenn er den sechsfachen Tour-Sieger im Juli nicht schlägt, und Ullrich betont immer wieder, dass ein Triumph in Frankreich für ihn nur dann wirklich zählt, wenn er Armstrong dabei bezwingt. Das hat sich nicht geändert, aber der 31-Jährige redet weniger als früher über den großen Gegner und mehr über das Ver trauen in die eigene Stärke.

Die üblichen Bedenken, aus welchen Gründen Ullrich wieder einmal an sich selbst scheitern könnte, spielen in den aktuellen Spekulationen über seine Siegchancen deshalb keine große Rolle. Im Moment wird beim T-Mobile Team mehr über die möglichen Helfer für Ullrich spekuliert als über seinen Formaufbau. Wird der Tour-Zweite von 2004, Andreas Klöden, nach seinem Leistungseinbruch im Frühjahr und den aktuell großen Formschwankungen überhaupt nominiert? Und was ist mit Sprintspezialist Erik Zabel, der unbedingt noch einmal dabei sein will, für Ullrich aber nur bedingt ein Helfer sein könnte? In der nächsten Woche entscheidet die Teamleitung, welche acht Fahrer Ullrich beim letzten Duell mit Armstrong unterstützen sollen.

Ihn - oder seinen Teamkollegen Alexander Winokurow, der nach seinem Ausfall im vergangenen Jahr angekündigt hat, die Tour nun gewinnen zu wollen. Beim Kriterium Dauphiné Libéré hängte Winokurow am Mont Ventoux gerade erst Lance Armstrong ab."Das war nicht gerade toll", kommentierte Armstrong. In dieser Saison ist er noch ohne Tagessieg, er redet schon viel über sein neues Leben nach seinem letzten Profirennen im Juli.

Armstrong ist ein Meister darin, die Gegner mit seinen Äußerungen zu verwirren. Derzeit redet er allerdings ungewöhnlich wenig. Normalerweise stellt er seine Rolle als unumschränkter Chef beim großen Radspektakel in den Wochen vor der Tour in den Vordergrund. Jetzt strahlt Armstrong aus, dass er nicht mehr gewinnen muss, sondern nur noch will. Das unbedingte Müssen war aber immer der große innere Antrieb, der ihn stark gemacht hat.

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