Giro-Sieger Danilo Di Luca holt die Geschichte ein
Erinnerungen an „Ali, den Chemiker“

Eines ist Danilo Di Luca sicher. Er ist in 90 Jahren Giro d’Italia der südlichste aller italienischen Radprofis, der die Italienrundfahrt gewonnen hat. Di Luca stammt aus den Abruzzen, südlicher ist bislang keiner der Gewinner geboren worden. Ob er aber auch der Sieger der 90. Ausgabe des Giro bleiben wird, ist trotz seiner Triumphfahrt am Sonntag in Mailand fraglich.

HB BERLIN. Wie so ziemlich jeder Gesamtsieg im Radsport derzeit unter dem Generalverdacht steht, dass er womöglich mit Hilfe chemischer Tinkturen und verbotener Doping-Praktiken zustande gekommen ist, gilt auch für den 31-Jährigen vom Team „Liquigas“: Besser abwarten, was die Dopingproben ergeben. Schließlich hat Di Luca nicht nur die üblichen Tests über sich ergehen lassen müssen. Er ist auch unangemeldet getestet worden. Mittwochabend warteten Mitarbeiter des Nationalen Olympischen Kommittees (Coni) im Teamhotel auf Di Luca, um Blut- und Urinproben einzusammeln. Überrascht sei er schon gewesen, sagte Di Luca, aber ein Problem, nein, das war es nicht. „Unser Teamarzt sagte mir, dass die Kontrollen außerhalb des Reglements stattfinden würden. Ich habe sie aber dennoch vornehmen lassen, weil ich nichts zu verbergen habe. Ich fühle mich nicht verfolgt.“

Na wenigstens das nicht. Vor drei Jahren hatten außerordentliche Dopingtests bei dem „Killer“ noch für den Ausstoß von Adrenalin und Schweiß gesorgt. Ein Dopinglabor in Rom hatte Di Luca einberufen. Der rief daraufhin seinen „Freund“ und Leibarzt, den Sportmediziner Carlo Santuccione an. Er befürchte, dass ihm auch Urin abgenommen werde, so Di Luca aufgeregt am Telefon, woraufhin ihn Santuccione beruhigte, es sei zu erwarten, dass ihm nur geringe Mengen Urin abgenommen würden. Nur bei einer großen Menge habe er etwas zu befürchten. Klage, Sperre, das ganze Programm eben.

Di Luca ist damals davon gekommen. Zwar wurde er vor der Tour de France aus dem Kader von „Saeco“ gestrichen, Mangels an Beweisen aber nie gesperrt. Bislang jedenfalls nicht. Aber was heißt im Radsport neuerdings Davonkommen?

Die Abhörprotokolle zwischen Di Luca und Santuccione stammen aus einem 14 000-seitigen Ermittlungsbericht italienischer Dopingfahnder, die unter dem Decknamen „Oil for Drugs“ den plötzlichen Herztod eines Amateurfahrers untersuchten. Conis Antidopingkämpfer Etorre Torri hat den Bericht nun erstmals gelesen, sei dabei „beinahe vom Stuhl gefallen“, hat die Kontrollen bei Di Luca wie auch bei Gilberto Simoni und Ricardo Rocci (beide Saunier Duval) sowie beim Gesamtdritten Eddy Mazzoleni (Astana, früher T-Mobile) angeordnet und hernach erklärt, Anklage wegen Dopings zu erheben. Auch gegen Di Luca.

Vor allen Dingen aber gegen Eddy Mazzoleni. Der Giro-Dritte ist mit der Schwester von Ivan Basso liiert, die wie ihr teilgeständiger Bruder engen Kontakt mit Dopingärzten, -händlern und -konsumenten hatte. Mazzoleni plauderte damals ebenfalls mit Santuccione am Telefon, allerdings so offenkundig über den Einsatz von Epo, dass sich Saeco, anders als bei Di Luca, genötigt sah, ihn zu entlassen. Gegen 15 Radprofis, 77 Amateure und zwei Sportärzte wurde damals ermittelt. Aber weder Di Luca noch Mazzoleni wurden belangt, lediglich Santuccione, genannt „Ali, der Chemiker“, verlor seine Aprobation.

Vielleicht hätten seine Vorgänger damals kein Interesse an den Ermittlungsakten gehabt, sagte Torri vergangene Woche. Er aber interessiere sich brennend dafür. Und werde nun aufklären, was es aufzuklären gilt. Gut möglich, dass Di Luca bald offiziell als Dopingsünder gilt. Seinen Giro-Sieg gefährdet das nicht. Aber wer weiß schon, was die Tests an seinem Blut so zu Tage fördern.

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