„Godzilla“ ist zurück
Davenport beehrt die US-Open

Nach der Geburt ihres Sohnes Jagger spielt Lindsay Davenport wieder um Weltranglistenpunkte - und macht dabei keine schlechte Figur. Als Mutter ist „Godzilla“ auf der Damentour aber eher eine Exotin. Doch gerade das setzt neue Kräfte bei ihr frei. Diese möchte die 32-Jährige für ihre vielleicht letzte Teilnahme an den US-Open nutzen.

NEW YORK. Vor einem Jahr trainierte Lindsay Davenport im kalifornischen Laguna Beach, in unmittelbarer Nähe ihres Hauses. Sie schlug mit ihrem Mann Jonathan Leach ein paar Bälle, ihr Sohn Jagger schlief währenddessen neben dem Tennisplatz. Zwölf Wochen zuvor hatte ihn Davenport zur Welt gebracht. Mann, Kind, Familienglück. Doch etwas fehlte: Tennisturniere. Plötzlich, drei Wochen vor einem zaghaften Comeback bei einem Turnier in Bali, befielen Ehefrau Davenport mitten in der Trainingsstunde Zweifel: „Sag' mal“, rief sie ihrem Mann übers Netz zu. „Mache hier eigentlich einen kompletten Idioten aus mir?“. Dieser antwortete: „Mach dir keine Sorgen, sieht alles gut aus.“

Jonathan Leach hat Recht behalten: Davenport gewann den Titel auf Bali und auch in Quebec City konnte keine Gegnerin die junge Mutter bezwingen. Gleich zum Saisonauftakt in Auckland durfte sie dann erneut mit Siegerpokal und Sohnemann Jagger auf dem Arm für die Fotografen posieren. Ein weiterer Titel folgte im März in Memphis. „Man kann ein Kind haben und trotzdem erfolgreich sein“, betonte Davenport stolz.

Dennoch ist sie auf der Damentour neben der Österreicherin Sybille Bammer als Mutter eine Exotin. Aber gerade das setzt neue Kräfte bei ihr frei. Sie knüpfte nahtlos an ihr Spielniveau an, das sie zwischen 1998 und 2005 insgesamt 98 Wochen lang an die Spitze der Rangliste geführt hatte. Und mit dem sie 55 Titel gewann, davon drei bei den US Open (1998), in Wimbledon (1999) und den Australian Open (2000). Mit ihrem Karrierepreisgeld von über 22 Millionen Dollar ist sie noch vor Steffi Graf alleinige Rekordhalterin.

Beweisen muss sie so niemandem mehr etwas, doch es war besonders der Gedanke an eine erneute Teilnahme bei ihrem Heim-Grand-Slam in New York, der Davenport zu ihrem Comeback angetrieben hat. Bei den US-Open wollte sie unbedingt noch einmal antreten und die besondere Atmosphäre des voll besetzten Arthur-Ashe-Stadiums spüren. Sie erfüllte sich den Traum. Als sie am Mittwochabend den Center Court für ihre Zweitrundenpartie gegen Alisa Klejbanowa betrat, war es auf den Tag genau 17 Jahre her, dass Davenport ihr erstes Match bei den US Open bestritten hatte. Damals unterlag sie als 15-Jährige noch, gegen Klejbanowa sollte sie es nun mit 7:5 und 6:3 besser machen.

Ein wenig fühlte sich Davenport beim Anblick der Russin vielleicht an sich selbst erinnert, denn in den ersten Jahren ihrer Karriere hatte sie ebenfalls mit Gewichtsproblemen zu kämpfen. Besonders von männlichen Spielerkollegen wurde sie oft verspottet, Spitznamen wie „Godzilla“ zählten noch zu den freundlichen Varianten. Doch Davenport hat es mit ihrem US-Open-Sieg damals allen Spöttern gezeigt. Und die amerikanischen Fans haben sie längst ins Herz geschlossen.

Die stehenden Ovationen, die sie ihr auch jetzt wieder entgegen brachten, dürften Davenport für die schweren Jahre längst entschädigt haben. „Die Leute haben gesehen, wie ich erwachsen geworden bin“, sagt Davenport. „Aber ich bin immer noch ein ganz normales Mädchen, und ich denke, daher mögen mich die Leute wohl gerne.“ Wie weit es für sie in New York noch gehen kann, vermag sie nicht zu sagen. Sie hoffe aber auf ihre Chance, zumal das Damenfeld in diesem Jahr keine klare Favoritin aufweist.

Ob sie auch nach den US Open noch weiterspielt, will sie erst nach dem Turnier entscheiden: „Ich muss sehen, was das Beste für meinen Sohn ist. Aber im Moment fühle ich, dass ich genau da bin, wo ich hingehöre. Und ich will noch mehr. Warum sollte ich nicht?“ Sie könnte kaum weiter davon entfernt sein, einen Idioten aus sich zu machen.

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