Golf
Staunen in Schanghai

Bei den BMW Asian Open der Golfprofis machen die Chinesen Bekanntschaft mit einer unbekannten Sportart und ihren Stars.

SCHANGHAI Herr Hu ist zuständig für Sportarten mit kleinen Bällen in der Volksrepublik China. Hockeybälle, Tischtennisbälle, Golfbälle - alles bis zur Größe eines Tennisballes. Deshalb fallen auch die BMW Asian Open in Schanghai in Herrn Hus Verantwortungsbereich. Und so steht er am Dienstag im Tomson Schanghai Pudong Golf Club neben Ernie Els, Colin Montgomerie, Nick Faldo, Luke Donald und Miguel Angel Jiménez und schlägt zur Eröffnung des Turniers bunte Golfbälle in einen Wasserlauf. Am Ende lächeln alle ein wenig betreten. Die Spieler, weil sie kein Wort von all den chinesischen Ansprachen verstehen. Herr Hu vielleicht, weil sich herausstellt, dass er gar nicht Golf spielen kann, obwohl er Vizepräsident der China Golf Association ist.

"Stars wie Ernie Els sind der absolute Kick für die Chinesen", sagt der Pressesprecher der PGA European Tour, Scott Crockett. Schon in der vergangenen Woche bei der Johnnie Walker Classic in Peking hat das Interesse der Chinesen alle Bereiche des Lebens der Profis umfasst. Luke Donald wurde von einem Reporter unter anderem gefragt, wie viele Unterhosen und Hosen er für seinen zweiwöchigen Aufenthalt in China denn mitgenommen habe.

Vor fünf Jahren noch stand China als Austragungsort nicht auf dem Spielplan. Inzwischen ist die Volksrepublik fester Bestandteil des Turnierkalenders der PGA European Tour, der Europa offenbar zu klein geworden ist. Zum ersten Mal war Golfprofi Sven Strüver 1996 beim World Cup in China. "Eine einmalige Erfahrung", sagt er. Die Erinnerung teilt auch Ernie Els: "Die Leute damals wussten noch nichts vom Golf, die gingen einfach über die Grüns, krabbelten durch die Bunker." Inzwischen entwickelt sich der Sport in China in einem Tempo wie nirgendwo anders auf der Welt. 1984 gab es einen Golfplatz, 1998 waren es keine 30. Mittlerweile sind es 205. Die Summe der organisierten Golfer ist laut Herrn Hu auf über 200 000 gestiegen - bei einer Gesamtbevölkerung von 1,3 Milliarden allerdings eine winzige Minderheit.

Golf also ist elitär, weit elitärer, als es in Deutschland jemals war. Die Zuschauer der BMW Asian Open, bei denen der Autohersteller Sponsor und Veranstalter ist, sind deshalb keineswegs zahlende Gäste. "Alles, was es zu kaufen gibt, hat in China keinen Wert", resümiert Jochen Goller, als Marketingleiter in China und hauptverantwortlich für das Turnier. Ein jeder der zirka 30000 Zuschauer, der ein Ticket erhalten hat, musste sich schriftlich um dieses bewerben.

Bei dem Turnier gibt sich die Elite Schanghais ein Stelldichein. Nach amerikanischem Vorbild ist der Golfplatz umgeben von großen Villen auf allerdings winzigen Grundstücken. Zwischen 800 000 und 2,4 Millionen Euro kostet eines der Gebäude, dazu kommen 80 000 Dollar für die Club-Mitgliedschaft - bei einem Durchschnittseinkommen von etwa 240 Euro für den Normal-Chinesen horrende Beträge.

Chi Yi hat die Welt des Golf Clubs auch als Nicht-Mitglied schätzen gelernt. Als eine von 171 weiblichen Gandis, dem chinesischen Wort für Caddies, hat sie hier mit zirka 150 Euro Gehalt im Monat ein gutes Einkommen. Kichernd schnappt sie sich die schwere Golftasche von Tobias Dier und folgt diesem auf die Trainingsrunde. "Ich habe keinen Caddie dabei, für grundlegende Dinge wie Fahne halten oder Bunker harken, klappt es aber auch so", sagt der Profi. Aufregend und auch ein wenig komisch findet Dier es hier in Schanghai: Der Golfplatz, mitten in der 16-Millionen-Einwohner-Stadt, eingehüllt in Wolkenkratzer, der Himmel verhangen von einer milchigweißen Smogwolke. Dazu all diese Menschen, die quietschend vor Aufregung auf Kontaktsuche mit den Golfprofis sind.

"Heiß-laut" nennen sie, ins Deutsche übersetzt, ungewöhnliche und interessante Begebenheiten. "Heiß-laut" ist so ein Golfturnier allemal.

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