Handball: Die WM, die keiner sehen kann

Handballer ohne TV-Deal
Die WM, die keiner sehen kann

Deutschland fährt als Europameister zur Handball-WM nach Frankreich. Doch sehen wird es hierzulande vermutlich niemand. Knapp eine Woche vor Beginn der WM ist die TV-Übertragung nicht gesichert. Prognose? Schlecht.
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DüsseldorfStellen Sie sich folgendes vor: Deutschland fährt nächstes Jahr als amtierender Fußball-Weltmeister zur WM nach Russland und keines der Spiele der Nationalmannschaft würde im Fernsehen übertragen. Die Aufregung wäre groß, es würde wohl als handfester Skandal gesehen.

So einen Skandal erlebt derzeit der Handball. Noch immer ist unklar, ob und wie deutsche Handball-Fans den amtierenden Europameister und Mitfavoriten überhaupt zu sehen bekommen. Knapp eine Woche vor Beginn der WM konnte DHB-Pressesprecher Tim Oliver Kalle gegenüber dem Handelsblatt bezüglich der Übertragung der WM keine konkreten Informationen geben. „Es läuft alles auf eine Total-Katastrophe hinaus“, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning am Mittwoch der „Bild“.

Dass ARD und ZDF die WM nicht übertragen, ist bereits seit längerem bekannt. Und es ist nicht das erste Mal, dass die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ein Sportgroßereignis mit Ignoranz strafen. So zeigen die TV-Sender weder die Turniere der Tennis-Weltranglistenersten Angelique Kerber, bei der Handball-WM 2015 in Katar waren die Spiele nur im Pay-TV zu sehen. Auch Olympia wird es künftig nicht mehr bei ARD und ZDF geben, dort ging aber schlichtweg der Bieterkampf verloren.

Das ist etwas verwunderlich, da Geld beim Erwerb von Übertragungsrechten in der Regel eine untergeordnete Rolle spielt. Das beweist die Ausgabefreudigkeit der öffentlich-rechtlichen Sender bei Fußball-Großereignissen. Vom DFB-Pokal über Champions League, teure Zusammenfassungen der Bundesliga und der Fußball-WM ist alles dabei, was das Fußballherz begehrt. Allein die Übertragung der Mittwochsspiele der Champions League lässt sich das ZDF Experten zufolge jährlich bis zu 50 Millionen Euro kosten.

Konkrete Geldbeträge für die Übertragungslizenzen der Handball-WM sind nicht bekannt. Doch es dürften deutlich weniger sein als 50 Millionen Euro. Bei der Übertragung der Handball-WM spielt vielmehr ein technischer Stolperstein eine Rolle. BeIN-Sports, der die Übertragungsrechte vom Handball-Weltverband erworben hat, knüpft an die Übertragungslizenzen die Bedingung, dass das TV-Signal verschlüsselt ist. ARD und ZDF können das nicht gewährleisten.

Auch Sky geht leer aus

Gescheitert sind auch die Verhandlungen mit dem Streaming-Dienst DAZN sowie der Internetplattform Sportdeutschland.tv. Bei der WM vor zwei Jahren in Katar war das ähnlich. Damals sprang Sky noch in letzter Minute in die Bresche. Diesmal jedoch ist auch der Bezahlsender bei BeIN-Sports auf taube Ohren gestoßen. „Sky hat sich im vergangenen Jahr mehrfach um die WM-Rechte bemüht, allerdings wurden unsere Angebote vom Rechtegeber (BeIN-Sports) stets abgelehnt“, sagte Sky-Sprecher Thomas Kuhnert gegenüber dem Handelsblatt. „Das bedeutet, dass Stand heute die Handball-WM nicht bei Sky zu sehen sein wird.“

Damit dürfte auch eine TV-Übertragung wohl ausgeschlossen sein. Dennoch wollen die Handballer ihre Hoffnungen eine Woche vor Turnierbeginn in Frankreich nicht aufgeben. „Ich glaube, dass die Nationalmannschaft oder Handball allgemein es verdient hätten, in Deutschland im TV gezeigt zu werden“, sagte Teammanager Oliver Roggisch der Deutschen Presse-Agentur. DHB-Vize Hanning setzt auf eine Notlösung. „Unser Präsident Andreas Michelmann arbeitet an einer Lösung, die wohl nur eine Internet-Stream-Lösung sein kann“, sagte er. Allerdings klingt das fast schon nach Verzweiflung.

Denn fraglich bleibt, wie eine Internet-Stream-Lösungen mit der Bedingung der Verschlüsselung des Rechteinhabers BeIN-Sports vereinbar sein soll. Der Frust über den Übertragungs-Blackout hat sich längst auch bei den deutschen Handballern breit gemacht. „Das ist eine beschissene Situation und schlecht für unsere Sportart, wenn ein Jahr mal einfach so wegfällt, man nicht im Fernsehen zu sehen und nicht präsent ist“, macht sich Handball-Nationalspieler Patrick Groetzki seinem Ärger Luft.

Roman Tyborski
Roman Tyborski
Handelsblatt / Volontär

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