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Hordorff: "Hier arbeiten zu viele ohne Konzept"

Seit 13 Jahren steht Dirk Hordorff dem deutschen Tennis-Profi Rainer Schüttler als Trainer zur Seite. In einem aktuellen Interview Hordorff dem deutschen Tennis kein gutes Zeugnis aus.

Dirk Hordorff steht dem deutschen Daviscup-Spieler Rainer Schüttler seit 13 Jahren nicht nur als Trainer, sondern auch als väterlicher Freund zur Seite. Er führte den heute 29-Jährigen in die Weltspitze und gilt als einer der starken Männer im deutschen Tennis. Im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) nahm der 49-jährige Hordorff Stellung zur aktuellen Situation im deutschen Tennis speziell im Hinblick auf die Nachwuchsförderung.

sid: "Der 18-jährige Aljoscha Thron hat bei einem von Ihnen erdachten Internet-Voting eine Wildcard für den Mercedes-Cup in der kommenden Woche in Stuttgart gewonnen. Wie kamen Sie zu dieser Idee?"

Dirk Hordorff: "Es war eine ideale Gelegenheit, junge Nachwuchstalente auch mal ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Vier junge Spieler standen zur Auswahl, und das Ergebnis war überwältigend. Mit einer solchen Teilnahme hatten wir nicht gerechnet, fast 3 000 Stimmen wurden abgegeben."

sid: "Was sagen Sie zum Sieger?"

Hordorff: "Aljoscha Thron überzeugt mich durch seine professionelle Einstellung. Dieser Junge hat unheimlich viel Talent. Er muss jetzt beweisen, dass ihm in den nächsten zwölf Monaten der Übergang von den Junioren zum Profitennis gelingt. Ich glaube, dass er es schaffen wird, und der Mercedes-Cup am Weissenhof ist der ideale Start."

sid: "Was erwarten Sie von Aljoscha und den anderen Jungs in Stuttgart?"

Hordorff: "Das Feld am Weissenhof ist das stärkste, das es in den letzten Jahren gab. Da hängen die Trauben sehr hoch, schon in der Qualifikation muss man absolute Weltklassespieler schlagen. Ob die Junioren gewinnen, ist gar nicht so entscheidend. Wichtig ist, dass sie dort lernen, was ihnen noch fehlt, dass sie 100 Prozent Einsatz zeigen und keine Angst vor großen Namen haben."

sid: "Was sagen Sie zur Jugendarbeit im Deutschen Tennis Bund?"

Hordorff: "Im Bereich der Jüngsten klappt es gut, da werden immer wieder neue Talente in die Spitze der Jugend-Altersklassen geführt. Unser Problem in Deutschland ist der Übergang zu den Profis. Da müssen wir neue und bessere Wege finden, da muss härter und effizienter gearbeitet werden."

sid: "Wie muss eine effiziente Jugendarbeit aussehen?"

Hordorff: "Wir müssen die Besten zusammenführen, ihnen den Weg hin zu einer professionellen Einstellung weisen, ihnen klarmachen, dass man nur durch Leistung Erfolge erzielen kann. Wir müssen unsere Förderung auf die konzentrieren, die auch bereit sind, diesen Weg so zu gehen."

sid: "Was sind die Kardinalfehler in Deutschland?"

Hordorff: "Hier arbeiten zu viele ohne Konzept, hier wird zu wenig zusammengearbeitet. Einige Verbände fördern bis 18 Jahre, andere darüber hinaus, Landesverbände konkurrieren untereinander anstatt zusammenzuarbeiten. Der DTB hat aufgrund seiner finanziellen Situation nicht genügend Mittel, um die Besten leistungsgerecht zu unterstützen. Und einige Trainer kommentieren mehr die Misserfolge anderer als sich selber auch mal mitverantwortlich für die Ergebnisse zu fühlen."

sid: "Was muss und kann kurzfristig geändert werden?"

Hordorff: "Wir müssen unsere Spieler gezielter fördern. Bei den jüngeren Jahrgängen muss viel mehr Wert auf die gesundheitliche und körperliche Situation der Kinder gelegt werden. Da dürfen wir nicht nur Ergebnisse abfordern, da muss der junge Sportler so trainiert und ausgerichtet werden, dass er auch später noch Leistungen abfordern kann. Wir powern unsere Spieler zu früh aus, anstatt auf die Grundlagen zu achten. Das muss sofort gezielter angegangen werden."

sid: "Und was ist langfristig zu tun?"

Hordorff: "Wir müssen mit der Wirtschaft, der Industrie, den Sponsoren viel besser zusammenarbeiten, um langfristig die notwendigen Mittel für eine gezielte Spitzensportförderung zu bekommen. Dazu ist es notwendig, dass wir überzeugende Konzepte vorlegen, die jedem ersichtlich machen, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. Wir müssen in unserer Struktur ein Fördersystem entwickeln, das Deutschland wieder zu einer Spitzennation macht. Heute sind wir noch nicht mal Mittelmaß."

sid: "Warum hat Deutschland immer gute Junioren, von denen man später nichts mehr hört?"

Hordorff: "Der deutsche Nachwuchs wird zu spät an den Profibereich herangeführt. In der Jugend werden die Spieler verhätschelt, und wenn es dann darauf ankommt, werden sie abgeschrieben. Kaum einer hilft den 18- bis 21-Jährigen auf ihrem Weg. Gerade in dieser Zeit ist es aber extrem wichtig, dass die Nachwuchsleute gut betreut werden. Aber wenn sie bis dahin nicht schon von alleine den Durchbruch geschafft haben, kümmert sich keiner mehr um sie. Stattdessen kommentieren einige Trainer die schwachen Leistungen in der Öffentlichkeit, als ob sie selbst damit überhaupt nichts zu tun hätten. Eine bessere Einbindung unserer Top-Profis wäre außerdem ein wichtiger Baustein in der Nachwuchsarbeit, aber dazu muss man die auch mal ansprechen. Aus meiner Erfahrung heraus sind sie dazu immer bereit."

sid: "Was können und müssen die deutschen Turnierveranstalter tun?"

Hordorff: "Sie versuchen immer wieder, den deutschen Spielern mit Wildcards zu helfen. In Stuttgart beispielsweise haben wir die Öffentlichkeit nicht nur mit dem Internet-Voting auf die Jungs aufmerksam gemacht, wir haben auch alle vier vom DTB vorgeschlagenen Junioren eingeladen, die ganze Turnierwoche über bei uns zu lernen und dabeizusein. Aber die Nachwuchsförderung in Deutschland muss grundsätzlich vom DTB ausgehen, die Turnierveranstalter können nur in ihrem jeweiligen Bereich das Bestmögliche tun, und das tun sie auch."

© SID

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