In Leipzig beginnen die Weltmeisterschaften
Einsames Fecht-Fest

Es ist beängstigend. Nur der Mittelfinger ist ein wenig verbogen. Ansonsten sind selbst die Finger bei Britta Heidemann fast makellos. Das ist ungewöhnlich, denn Heidemann ist kein Model, wie es auf den ersten Blick scheint, sondern eine Degen-Fechterin auf Weltklasse-Niveau.

KÖLN. Tausendmal hat diese Hand schon den Druck der Klinge des Gegners gespürt, tausendmal hat sich diese Hand an der „Glocke“ gerieben, der sie vor den Waffen der Gegnerinnen schützt. Die Hände anderer Fechter gleichen daher oft denen von Bauarbeitern. Schwer vernarbt die Haut, gerissen und zerfetzt nach langen Turnieren. Heidemann lächelt. Sie sagt: „Es kommt darauf an, wie man den Degen in der Hand hat.“ Eine Stilfrage.

Ihre Sportart hat es schwer in dieser Zeit. Am Samstag beginnt zwar in Leipzig die Weltmeisterschaft, die dritte im eigenen Land nach Hamburg (1978) und Essen (1993). Der Präsident des Deutschen Fechter-Bundes (DFeB), Gordon Rapp, hat im Vorfeld ein „Weltfest des Fechtens“ angekündigt. Aber in Wirklichkeit wird Fechten selbst bei einem Großereignis hier zu Lande als untergehende Sportart begriffen. Die Zeitungen halten sich merklich zurück. Und der TV-Rechte-Inhaber SportA, die gemeinsame Agentur von ARD und ZDF, hat die WM an Eurosport weiterverhökert. Ansonsten wird Fechten in die Nachrichten und in das Morgenmagazin verbannt. Man könnte wehmütige Lieder anstimmen auf jene seligen Zeiten, in denen Emil Beck seine Athleten in Tauberbischofsheim zu Medaillen antrieb. (Nur sorgt der gerade für böse Schlagzeilen in einem Strafprozess.)

Doch Britta Heidemann weigert sich beharrlich, in Depressionen zu verfallen. Wie sollte sie auch? Wenn es weiter so wie bisher läuft in ihrem Leben, dann wird das auch mit Leipzig klappen. Die blonde, 1,80m große Kölnerin ist 22 Jahre alt, und fast alles, was sie sich als Sportlerin bisher vornahm, hat sie umsetzen können. Sie war schon als Schülerin Kölner Meisterin im Hochsprung, dann westdeutsche Meisterin im Schwimmen. Dann kam sie zum Modernen Fünfkampf und räumte international ab – bis ihr Trainer sagte: „Bleib beim Fechten, da hast Du das größte Talent.“ Schon 2002, da war sie noch keine 20, gewann sie WM-Bronze. Wie sensationell das war, das wissen alle Fechter. Geht es in diesem Sport doch „um die Strategie, den Gegner auszutricksen“, sagt Heidemann, „man muss ihm weismachen, was man nicht machen wird“. Es gehört jedenfalls viel Erfahrung dazu, nicht in jede Finte zu laufen. Heidemann war schon 2002 gut genug, die fehlende Routine mit jugendlicher Begeisterung wettzumachen.

Es lief nahezu perfekt seitdem. Sie hat mit der Mannschaft zwei Silbermedaillen gewonnen, zuletzt 2004 in Athen eine olympische. Sie war zweimal Weltcup-Zweite, gewann viele Turniere. Zudem wird sie sich, wie es ausschaut, ihre berufliche Wünsche erfüllen. Sie studiert Regionalwissenschaften China in Köln. Und weil sie die komplizierte chinesische Sprache fließend beherrscht, ist sie im Reich der Mitte zu einem Star in den Medien geworden. Die auflagenstarke Zeitschrift „China Allsports“ hat ihr kürzlich ein siebenseitiges Porträt gewidmet, und dann kam ein staatlicher Sender und drehte eine halbstündige Reportage über sie, die blonde Fechterin aus Deutschland.

Sie ist so zielstrebig, wie man das nur sein kann als Leistungssportler. „Ich möchte in allen Dingen Höchstleistungen bringen“, lautet ihr Credo. Nur ein einziges Mal, im Einzel in Athen, war sie wirklich enttäuscht. Weil sie sich „in dieses Jahr so richtig reingehängt“ und die „beste Saison meines Lebens“ gefochten hatte. Sie, die damals Weltranglisten-Zweite, schied früh aus, gegen eine Unbekannte. Die Konkurrenz der heute Weltranglisten-Zehnten ist enorm, auch die im eigenen Land. Die Bonnerin Imke Duplitzer etwa „überragt dieses Jahr alle“, weiß Heidemann. Auch die Newcomerin Moinka Sazonska (22, Heidenheim) und Claudia Bokel (32, Bonn) sind in der Lage, das Turnier gewinnen. „Wir sind alle ziemlich gut dabei“, findet Heidemann.

Sie selbst hat sich dieses Jahr auf das Studium konzentriert. Aber in den letzten zwei Monaten waren Semesterferien, da konnte sie „das Training voll durchziehen“. Und wenn man schon mal auf dem Treppchen stand wie sie, „dann will man bei einer WM nicht 30. werden“. Sie werde Treffer für Treffer fechten, Gefecht für Gefecht. „Und wenn ich richtig gut angetörnt bin und den richtigen Tag erwische, dann. . .“ Dann könnte es sein, dass sie ihn dann begradigt, den krummen Mittelfinger. Und damit den letzten Makel beseitigt.

Einzelwettbewerbe

Montag, 10.10.: Herrensäbel und Damendegen (Halbfinals, Finals & Siegerehrungen) um 17.45 Uhr

Dienstag, 11.10.: Damensäbel und Herrenflorett (Halbfinals, Finals & Siegerehrungen) um 17.45 Uhr

Mannschaftswettbewerbe

Freitag, 14.10.: Herrensäbel (Kampf um Bronze), Damendegen (Kampf um Bronze) um 15.00 Uhr. Damendegen (Finale), Herrensäbel (Finale) um 17.45 Uhr

Samstag, 15.10: Damensäbel (Kampf um Bronze), Herrenflorett (Kampf um Bronze) um 14.30 Uhr. Herrenflorett (Team, Finale), Damensäbel (Team, Finale) um 16.45 Uhr

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