Interview
Timo Boll: "Ich bin in Top-Form"

Deutschlands bester Tischtennis-Spieler Timo Boll will bei der Einzel-WM in Shangai seine Niederlage bei der Europameisterschaft vergessen machen. Im Handelsblatt-Interview verspricht er: Ich werde mein bestes Tischtennis spielen.

Herr Boll, die Europameisterschaft in Aarhus ist für Sie unter dem Strich enttäuschend verlaufen. Wie stark ist jetzt der Druck auf Sie, bei der WM weit nach vorne zu kommen und sich für die EM zu rehabilitieren?

Ich weiß nicht, ob der Druck nach der EM größer oder kleiner geworden ist. Man hat in Aarhus gesehen, dass ich auch gegen Gegner in Europa verlieren kann, weltweit gilt das natürlich erst recht. Auf jeden Fall ist klar, dass ich in Shanghai nur eine Chance habe, wenn ich in Topform bin. In Aarhus hatte ich diese Form vielleicht nicht ganz.

Wie haben Sie darauf reagiert? Haben Sie nochmals an Ihrer WM-Vorbereitung gefeilt oder Ihr Training verändert?

Ich habe in den vergangenen Wochen sehr hart trainiert und alles aus mir rausgeholt. Das Trainingslager in Südkorea hat noch den nötigen Feinschliff geliefert. Jetzt bin ich zuversichtlich, dass ich in Shanghai mein bestes Tischtennis spielen werde.

Wie lautet ihre Zielsetzung?

Eine Medaille ist das große Ziel. Ich schaue aber von Runde zu Runde. In der Vergangenheit bin ich bei großen Turnieren immer am besten gefahren, wenn ich mir jeden Gegner ganz genau anschaue.

Die Chinesen sind die großen Favoriten auf den WM-Titel im eigenen Land. Wer kann Sie schlagen?

Den Olympiasieger Ryu, Weltmeister Werner Schlager und Vladimir Samsonov, der bei der EM sehr stark gespielt hat, muss man auf der Rechnung haben. Aber es gibt auch andere Leute wie Adrian Crisan, die zuletzt gezeigt haben, dass sie die Chinesen schlagen können. Von den Chinesen selbst ist Ma Lin für die Europäer der unangenehmste Gegner, da er eine sehr unorthodoxe Spielweise hat, die in Europa niemand spielt. Andererseits ist Wang Liqin für die Chinesen der gefährlichste Gegner, weil er wie ein Europäer spielt - allerdings auf einem unglaublich hohem Niveau. Gegen Europäer wird er jedoch gerne nervös...

Warum sind die Chinesen immer noch so dominant im Tischtennis?

Tischtennis ist in China ein Riesen-Volkssport mit einem unglaublichen Potenzial an jungen Talenten mit hoher Leistungsstärke. Aus dieser Masse lässt sich hervorragend Klasse rausziehen.

Was muss in Deutschland passieren, damit diese Dominanz gebrochen wird?

Wir haben einfach nicht so eine Masse, aus der wir schöpfen können. Außerdem ist es in Deutschland unvorstellbar, dass Schüler nach der dritten Klasse die Schule verlassen und nur noch Tischtennis spielen. Mal abgesehen von China, stehen wir mit dem deutschen Nachwuchs im Vergleich zu anderen Ländern aber sehr gut da. Die Europameisterschaft, die für fast alle rabenschwarz gelaufen ist, hat da leider einen völlig falschen Eindruck erweckt.

Trotzdem sind Sie bei der WM in Shanghai der einzige deutsche Spieler mit Medaillen-Ambitionen. Wie groß ist die Lücke zu den nachfolgen, jungen Spielern und wer hat Ihrer Meinung nach die besten Chancen, auf nationaler Ebene zu Ihnen aufzuschließen?

Christian Süß ist der Jüngste und kann wohl den größten Sprung machen. Er ist schon jetzt sehr gefährlich für die Top-Spieler. Bei der EM hat man das gesehen, als er den späteren Finalisten Kreanga fast geschlagen hätte. Aber auch Bastian Steger, Zoltan Fejer-Konnerth und Lars Hielscher haben sich in den vergangenen Monaten in der Weltrangliste stark verbessert.

Mit Christian Süß spielen Sie in Shanghai Doppel. Wie weit können Sie in diesem Wettbewerb kommen?

Im Doppel haben wir auf jeden Fall Medaillenchancen. Auf der Pro-Tour, die Christian und ich in diesem Jahr zum ersten Mal gemeinsam gespielt haben, haben wir sehr gut gespielt. Wenn wir beide an unserem Limit spielen, wie wir das auch bei der EM bis zum Halbfinale getan haben, könnte in Shanghai das Halbfinale erneut drin sein.

Sie haben vor kurzem Ihr Management gewechselt. Was versprechen Sie sich davon?

Herr Kärcher hat schon einige Erfolge in so genanten Randsportarten gehabt. Ich hoffe, dass ihm das auch mit mir gelingen wird. Dafür muss ich natürlich die entsprechenden Leistungen bringen. Wenn es dann gelingt, diese Erfolge stärker in die Öffentlichkeit zu tragen, könnte der gesamte Tischtennis-Sport in Deutschland davon profitieren.

Interview: Ralf Drescher

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