Kieser-Training
Kraft für die Welt

Knackt da was? Dehnt sich das? Der Körper macht sich bemerkbar: Knochen, Muskeln und Sehnen scheinen plötzlich ein Eigenleben zu führen. Der Mensch hängt in einer Kraftmaschine und versucht, seine Muskeln davon zu überzeugen, ein Gewicht wegzudrücken.

HB BERLIN. Schlappe 92 Kilo sind es nur bei dem Gerät, das sich mit dem harmlosen Namen Rückenstreckung tarnt. Trainerin Vera ist geduldig: „Sieht sehr gut aus. Jetzt das Gewicht halten.“ Zwei Sekunden nur, doch die können wie eine Ewigkeit sein. Vor allem bei der letzten Wiederholung.

„Dem Menschen wird die Lust zur Qual“, heißt es beim Dichter Eugen Roth, dem wir viele gute Bonmots verdanken.

„Der Mensch wächst am Widerstand“, sagt dagegen Werner Kieser, Gründer und geistiger Vater einer Bewegung, die das Krafttraining unter asketischen Bedingungen populär machte. Der Schweizer ist kein Poet. Dennoch muss jeder ihm dankbar sein für diesen Satz.

Widerstand? Nicht gegen die Regierung, nicht gegen Kernkraftwerke oder die Globalisierung. Nein, der Mensch wächst am Widerstand der Kieserschen Kraftmaschinen. Und an solchen Sätzen wie: „Krafttraining lebt von der Einsicht in die Notwendigkeit.“

Der 64-Jährige ist einer der führenden Anbieter für „gesundheitsorientiertes Krafttraining“. Kieser-Training hat Therapie und Prävention für rückenschmerzgeplagte Mitteleuropäer im Programm.

Die ersten Maschinen schweißte Kieser noch selbst zusammen, als er 1967 sein erstes Kraftstudio gründete. Inzwischen hat das Schweizer Unternehmen 146 Franchise- und Tochterbetriebe und 285 700 Kunden in sechs europäischen Ländern. Interessanterweise befolgen vor allem die Deutschen die Regeln, die genau und streng sind wie die eines Ordens.

Wie viele Rücken wurden schon gestärkt, wie viele schlaffe Sehnen und kaputte Bänder wieder aufgebaut? Kieser lebt von Bewegungsmangel, Sportunfällen und der demographischen Entwicklung. Gerade wurden Jena und Offenbach mit den Kraftmaschinen beglückt, im Januar wird Fürstenfeldbruck eröffnet.

Doch der ganz große Coup soll 2006 kommen. Getreu der Zukunftsprognose „Die ganze Welt kräftigen“ sollen in Neuseeland und Australien Franchise-Betriebe eröffnet werden.

Ob die hedonistischen Australier Krafttraining ohne Halligalli machen wollen? Mal schauen. Für den Straßennahkampf in Berlin – die S-Bahn-Treppen hochspringen, wenn die Bahn schon einfährt – ist das Ganze jedenfalls förderlich.

Die Studios sind karg und überschaubar. Das gehört zu den Ordensregeln dazu. 28 Kraftmaschinen – für Arme, Beine, Rücken, Nacken, Bauch. Für alles eben, was verspannt sein kann. Und es ist ruhig. Nichts lenkt ab. Es gibt keine Musik, keine Videos. Ab und zu ist Telefonklingeln zu hören, dazu die ruhigen Stimmen der Instrukteure in weißen Hemden und blauen Hosen.

Jeder Novize erhält eine genaue Anleitung plus Kontrolltraining und kurzer ärztlicher Eingangsuntersuchung, bevor er auf die Maschinen losgelassen wird. Wer auf einem Kraftgerät thront, hat folgende Formel zu beachten: Vier Sekunden das Gewicht anheben, zwei Sekunden halten und nach vier Sekunden wieder ablegen.

In anderen Fitness-Centern wird gelacht und geflirtet, und während man noch auf dem Spinning-Rad sitzt, überlegt man, ob man nicht doch einen Thae-Boe-Kurs belegt oder in die Sauna geht. Bei Kieser ist Konzentration alles; man ist festgelegt wie in einem verschulten Master-Studiengang. Jeder hat seinen gelben Plan in der Hand, trägt mit dem Bleistift die Gewichte ein und arbeitet sein Programm ab.

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