Kommentar
Alinghi braucht eine neue Geschichte

Der America´s Cup ist ein Überlebenskampf, in dem nur der Sieger eine Garantie auf sein Weiterleben erhält. Denn er darf vier Jahre später den Cup verteidigen. Die Schweizer Titelverteidiger von Alinghi stehen ab morgen vor der großen Herausforderung, sich das Überleben zum zweiten Mal zu sichern.

Gelingt den Schweizern die Titelverteidigung nicht, dürfte ihr Schicksal besiegelt sein. Gründer des Teams und Eigner der Yacht, Ernesto Bertarelli, wird seine Kreation dann wohl der Geschichte übergeben. "Jedes Team hat seine Zeit", hat der Milliardär einmal gesagt. Der 41-Jährige soll das Ende für den Fall einer Niederlage gegen das Team Neuseeland intern bereits angekündigt haben. Warum auch nicht? Alinghi hätte seine Rolle in der Cup-Geschichte mehr als gerechtfertigt - als die Mannschaft, die den America?sCup erstmals nach Europa holte - wenn auch mit kompetenter Hilfe aus dem Südpazifik.

Wenn Alinghi die "Auld Mug" gegen Neuseeland verteidigen sollte, steht dem Team eine noch viel größere Herausforderung bevor, eine Herausforderung, die ein noch viel schwierigerer Überlebenskampf zu sein scheint. Alinghi läuft Gefahr auseinander zu brechen. 70 Prozent der Crew sind bereits sieben Jahre zusammen - eine lange Zeit auf See. Erst haben sie erfolgreich die Rolle des Angreifers gespielt, und in diesem Jahr die des ehrgeizigen Titelverteidigers.

Der neuseeländische Skipper Alinghis, Brad Butterworth, sagte kürzlich, dass es nicht lustig sei, Titelverteidiger zu sein, "weil man sich keine Geschichten zu erzählen hat". Butterworth würde sich als viermaliger Cup-Sieger in die Annalen eintragen, aber was dann? Welche Herausforderung könnte jemanden noch interessieren, der so lange und so erfolgreich auf einem so hohen Niveau gesegelt ist? Der 48-Jährige braucht eine neue Geschichte. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er wieder mit seinem Freund Russell Coutts, der im Jahr 2004 von Alinghi gefeuerten Wunder-Steuermann, segeln will. Sehr wahrscheinlich würden mit Butterworth dann auch all die anderen neuseeländischen Top-Leute das Team verlassen, vielleicht sogar zu einem neuen Cup-Syndikat.

Auch ein Absprung von Jochen Schümann, Alinghis Sportdirektor, gilt als wahrscheinlich. Er ist 53 Jahre alt und hat als Sportler alles erreicht, ein guter Zeitpunkt, um zu einem deutschen Team zu wechseln.

Solch einen Aderlass verträgt kein Team. Eine Reihe wichtiger Schlüsselpersonen der Afterguard und Teamführung, Identitätsfiguren für den Schweizer Erfolg, müssten ersetzt werden. Kontinuität und Stabilität wären in Frage gestellt. Das im Cup sprichwörtlich gewordene Alinghi-Niveau wäre kaum zu halten. Denn der Cup hat zwar eine Menge guter Leute zu bieten, aber nur wenige Erfolgsgaranten. Wie glaubwürdig wäre eine solche Folge-Kampagne noch, die sich vorher als das Maß für Perfektion und Professionalisierung im Cup-Sport erwiesen hat?

Der Transformationsprozess scheint für Titelverteidiger Alinghi unausweichlich. Mit einem Durchschnittsalter von 40 Jahren sind die Schweizer heute schon das älteste Team der diesjährigen Regatta.

Und sie hätten die Transformation bereits einleiten können. Das hat das Team Alinghi verpasst. So wird nach einem etwaigen Sieg gegen Neuseeland das böse Erwachen folgen.

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