Kommentar
Die gefühlte Stunde null

Der aktuelle Dopingskandal ist die gefühlte Stunde null des professionellen Radsports. Denn im Gegensatz zu der Affäre um das Festina-Team im Jahre 1998 ist die Botschaft dieses Mal eine völlig andere. Sie lautet: Alle haben mitgemacht.

Es ist die gefühlte Stunde null im professionellen Radsport: Auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt noch keine handfesten Beweise gegen die verdächtigten Profis vorliegen, kann vom größten Dopingskandal gesprochen werden, der je eine Tour de France überschattet hat. Und das der jetzige Skandal an Fahrern und Verantwortlichen haften bleiben wird wie eine Rennmaschine auf heißem Teer, daran besteht kein Zweifel. Jeder erfolgreiche Ausreißer, jeder Bergheld jeder Etappensieger und erst recht der Träger des gelben Trikots wird ab sofort nicht mehr nur an seiner Leistung gemessen werden. Der Verdacht radelt immer mit. Hier spiegelt sich die sportliche Dimension dieser schmutzigen Affäre, die jeden Versuch eines Vergleichs mit dem Tour-Skandal um das Festina-Team von 1998 zu einer Absurdität verkommen lässt. Denn dieses Mal ist die Botschaft eine völlig andere. Sie lautet: Alle haben mitgemacht. Und wer nicht dabei war, der wurde lediglich nicht erwischt.

Insofern ist der konsequente Schritt, die mutmaßlichen Velo-Doper vom Tour-Beginn auszuschließen, die einzige Möglichkeit, das Tour-Spektakel zumindest wieder in die Nähe von sportlicher Fairness und Glaubwürdigkeit zu rücken. Auch wenn damit die Gefahr einhergeht, das Fahrerfeld weiteren Rodungen unterziehen zu müssen und das Peloton am Ende wohlmöglich nur noch die Stärke eines ersatzgeschwächten Handballteams aufweist; die Tour-Veranwortlichen dürfen jetzt nicht einknicken, denn die Radsportszene braucht ein unmissverständliches Zeichen.

Schon möglich, dass eine kompromisslose Vorgehensweise gegen das offenbar dopingverseuchte Radler-Mileu ein vorläufiges und jähes Ende für die diesjährige Frankreich-Rundfahrt bedeutet. Doch jenseits aller Schwarzmalerei liegt darin auch die Chance, den bisher nicht durch Dopingvergehen in Erscheinung getretenen Fahrern eine sportliche wie mediale Bühne zu bieten. Unter diesem Aspekt könnte die 93. Tour de France auch für deutsche Fans eine interessante und spannende werden: Der Name des Tourzweiten von 2004, Andreas Klöden, ist bis dato nicht im Zusammenhang mit dem Dopingskandal genannt worden. Die Stunde null könnte somit zugleich die Stunde der Wasserträger werden. Doch auch die Helden der zweiten Reihe werden sich ab jetzt permanent der wiederentdeckten Gretchen-Frage des Velo-Sports stellen müssen. Titel: Seid ihr wirklich sauber?

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