Kommentar zur Tour de France
Das Vertrauen ist erschüttert

Christopher Froome gewinnt zum vierten Mal die Tour de France. Das Sky-Team hat wieder einmal die Tour dominiert. Doch der Sieg der Briten stimmt nachdenklich und strapaziert das Vertrauen in einen sauberen Radsport.
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Es ist eine seltsame Stimmungslage im Fußballstadion von Marseille. Romain Bardet kommt mit schmerzverzerrtem Gesicht ins Stadion, wo sich der Start und das Ziel des letzten Zeitfahrens der diesjährigen Tour de France befindet. Die Fans versuchen ihren französischen Radsporthelden mit aufbrandendem Jubel ins Ziel zu tragen. Es geht um das Podium des größten Radrennens der Welt. Der Jubel wirkt. Bardet rettet sich ins Ziel und wird in der Gesamtwertung der Tour de France am Ende Dritter. Doch in den Jubel mischt sich ein gellendes Pfeifkonzert. Denn der zwei Minuten hinter Bardet gestartete Christopher Froome vom britischen Sky-Team hat einmal mehr eine unfassbare Leistungen an den Tag gelegt und Bardet im 22,5 Kilometer kurzen Zeitfahren fast eingeholt. Eine unmögliche Leistung?

Romain Bardet und Christopher Froome haben sich in den Bergen duelliert. Der Franzose ist ein ebenbürtiger Gegner in den Pyrenäen und in den Alpen gewesen. Keinen der mittlerweile vier Tour-Siege hat Froome mit einem so kleinen Zeitunterschied gewonnen. Bardet und Froome sind Bergspezialisten, weil sie wenig Körpermasse besitzen. Ihre ausgemagerten Körper sind leicht. Das ist perfekt für einen Bergfahrer, aber eigentlich schlecht für die Zeitfahrdisziplin. Doch während Bardet ein für einen Bergfahrer „normales“ Zeitfahren auf dem Asphalt hingelegt, konkurriert Froome auf einem Niveau mit Zeitfahrspezialisten wie dem Polen Maciej Bodnar aus dem deutschen Bora-Hansgrohe-Team und dem deutschen Zeitfahrweltmeister Tony Martin.

Der Unterschied zwischen den beiden und Froome ist jedoch, dass sie deutlich mehr Masse besitzen und dementsprechend in der Lage sind, höhere Gänge zu treten, die für ein schnelles Zeitfahren nötig sind. Oder anders ausgedrückt: Sie haben kräftigere Beine und einen kräftigeren Oberkörper und können deswegen auch kräftiger in die Pedale treten.

Doch für Froome und das Sky-Team scheinen andere Gesetze zu gelten. Mit einer Ausnahme im Jahre 2014 dominiert das Team seit mittlerweile fünf Jahren die Tour de France. Während sich die anderen Teams um das gepunktete Trikots des besten Bergfahrers oder das Grüne Trikot des besten Sprinters streiten können, das in diesem Jahr Marcel Kittel durch seine fünf (!) Etappen-Siege beinah gewinnen konnte und es nur wegen eines unglücklichen Sturzes abgeben musste, hat Sky das Gelbe Trikot des Tour-Leaders scheinbar auf Jahre gepachtet.

Mit einem kolportierten Budget von 30 Millionen Euro pro Jahr überflügeln sie auch finanziell die Konkurrenz. Doch während der diesjährigen Tour war die Dominanz des Teams, trotz des am Ende vergleichsweise geringen Zeitabstands zum Zweitplatzierten Kolumbianer Rigoberto Uran, so überragend wie selten zuvor. Besonders krass zutage kam diese während der zwölften Etappe. Keine Königsetappe aber eine schwere mit einem umso giftigeren kurzen Schlussanstieg, bei dem die Steigung jenseits der 20-Prozent-Marke lag. Vor diesem Finish hatte fast das gesamte Sky-Team im Feld der Favoriten ein Tempo an den Tag gelegt, das doch sehr an die Armstrong-Zeiten rund um das US-Postal-Team erinnerte.


Auch damals schlugen die Teamkollegen des wohl größten Doping-Betrügers in der Geschichte des Radsports in den Bergen ein Tempo an, bei dem keiner der anderen Favoriten überhaupt in der Lage war, einen Angriff zu setzen. Sie waren schon froh, wenn sie das Tempo überhaupt mithalten konnten. Der deutsche Kletterspezialist Emanuel Buchmann vom Bora-Hansgrohe-Team konnte dem Tempo der Sky-Helfer oft nicht folgen. Die TV-Bilder, die das Team des Bezahlfernsehen-Riesens an diesem Tag geliefert hat, konnten einen nachdenklich stimmen. Aber die TV-Bilder beweisen nichts.

Wie sauber Christopher Froome und das Sky-Team die Tour gewonnen hat, kann man vom Wohnzimmer aus nicht sagen. Die Radsportler beteuern, dass sie kein Doping benutzen und der Radsport sauberer geworden ist. Vertrauen muss man diesen Worten aber nicht. Die Leistungen des gesamten Sky-Team tun ihr Übriges, um das Vertrauen in den Radsport zu erschüttern. Einerseits ist es die Durchschnittsgeschwindigkeit, die sich trotz teilweise wirklich schwerer Bergetappen wieder deutlich über der Marke von 40 Kilometer pro Stunden bewegt.


Andererseits haben Enthüllungen über medizinische Ausnahmeregelungen für Froome vor großen Rundfahrten, die im vergangenen Jahr ans Tageslicht kamen, für Zweifel gesorgt. Auch die Tatsache, dass Froome auf der einen Monat vor der Tour stattfindenden Dauphine-Rundfahrt, die als Generalprobe der Tour gilt, alles andere als dominant wirkte und in den Bergetappen zum Teil deutlich distanziert wurde, wirft Schatten auf seine jetzige Leistung. Aber auch das beweist nichts.

Am Ende bleibt nur das Vertrauen. Die Radsportteams müssen weiterhin um das Vertrauen der Fans kämpfen. Das Sky-Team strapaziert dieses Vertrauen mit unglaublichen Leistungen ihres Leaders Christopher Froome und seiner Helfer. Man kann nur hoffen, dass sie es nicht überstrapazieren.

Roman Tyborski
Roman Tyborski
Handelsblatt / Volontär

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