Leichtathletik Doping
Jones "nur eine ganz gewöhnliche Betrügerin"

Der Ärger nach dem Geständnis von Marion Jones ist groß. "Sie ist keine Olympiasiegerin, nur eine ganz gewöhnliche Betrügerin", wetterte Peter Ueberroth, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der USA.

Die fünf olympischen Medaillen von Sydney 2000 wird Marion Jones nach ihrem Sündenfall zurückgeben müssen. "Die gehören ihr nicht, sie müsste sie eigentlich sofort freiwillig rausrücken", sagte Peter Ueberroth, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der USA: "Sie hat den Sport, ihre Teamkollegen, ihre Konkurrenten, ihr Land und sich selbst getäuscht. Marion Jones ist keine Olympiasiegerin, nur eine ganz gewöhnliche Betrügerin."

Kein Zweifel an Medaillen-Rückgabe

Obwohl es keinen Zweifel daran gibt, dass Marion Jones ihre Medaillen (Gold über 100m, 200m und mit der 4x400-m-Staffel, Bronze im Weitsprung und mit der 4x100-m-Staffel) verlieren wird, kann sich der Zeitpunkt der offiziellen Aberkennung und Neuverteilung durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) hinauszögern. "Wir werden womöglich das Urteil des Leichtathletik-Weltverbandes abwarten und auf dessen Grundlage eine Entscheidung fällen", sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach als Leiter der zuständigen IOC-Disziplinarkommission dem sid.

Eine sofortige Aberkennung käme nur in Frage, wenn Jones Doping während der Spiele 2000 (15. September bis 1. Oktober 2000) zugeben würde, denn nur dieser Zeitraum steht unter IOC-Hoheit. Ihr aktuelles Geständnis bezieht sich aber zunächst nur auf die Zeit davor, damit wäre der Leichtathletik-Weltverband Iaaf am Zug. Die Aberkennung der Medaillen würde dann auf der Tatsache beruhen, dass Jones in Sydney gar nicht startberechtigt gewesen wäre.

Ob die Iaaf wiederum erst die Ermittlungen von US-Verband und nationaler Antidoping-Agentur (Usada) abwartet, ist auch noch offen. Sollte dies der Fall sein, könnte sich das Verfahren ähnlich wie beim überführten und letztlich disqualifizierten Toursieger von 2006, Floyd Landis, über Monate hinziehen.

Rücktritt unter Tränen

Jones hatte US-Bezirksrichter Kenneth Karas am Freitag in White Plains nördlich von New York City gestanden, im Vorfeld von Olympia 2000 einige Male die im kalifornischen Balco-Labor entstandene Designerdroge Tetrahydrogestrinon (THG) konsumiert und im Zuge der Ermittlungen einen zweifachen Meineid geleistet zu haben.

Anschließend erklärte sie unter Tränen ihren Rücktritt "von dem Sport, den ich so sehr liebe. Ich schäme mich dafür, dass ich euer aller Vertrauen missbraucht habe. Ich habe mein Land verraten und ich habe mich selber verraten, und ihr habt jedes Recht, wütend auf mich zu sein."

Marion Jones musste ihren Pass abgeben und wurde auf Bewährung auf freien Fuß gesetzt. Am 11. Januar muss sie zum Urteilsspruch erneut vor Gericht erscheinen. Nach Lage der Dinge dürfte sie wegen ihres Geständnisses mit einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe davonkommen. Zweimal hatte sie die Ermittler im Balco-Skandal im November 2003 unter Eid belogen und behauptet, niemals mit THG in Berührung gekommen zu sein.

"Das war eine Lüge, Euer Ehren, denn ich wusste, dass ich es mehrfach konsumiert hatte", gestand sie nun Richter Karas. Ihr damaliger Coach Trevor Graham habe ihr bei der Vorbereitung auf Olympia 2000 gesagt, sie solle es sich unter die Zunge schmieren und dann runterschlucken. Die Tatsache, dass Jones von Graham angeblich nicht über den Inhalt der öligen Substanz informiert wurde, spielt vor Gericht keine Rolle.

Grahams Anwalt Joseph Zeszotarski wollte die Aussagen von Jones nicht kommentieren: "Wir werden uns zu den Vorwürfen während unserer Verhandlung im Gerichtssaal äußern." Graham muss sich am 26. November in San Francisco wegen dreifachen Meineids vor Gericht verantworten. Er streitet alle Vorwürfe ab.

Iaaf-Präsident Lamine Diack sprach am Wochenende von einer Tragödie und einem der übelsten Betrugsmanöver in der Geschichte des Sports. "Marion Jones hat nicht nur sich selbst, sondern das Ansehen des Sports in der ganzen Welt beschmutzt", sagte Diack: "Ich bin zutiefst enttäuscht, dass eine Athletin mit einem so begnadeten Talent auf Drogendealer hereinfällt."

Das IOC und die Anti-Doping-Agentur der USA (Usada) hatten im Dezember 2004 die Ermittlungen gegen Marion Jones aufgenommen. Ihr Name und der ihres damaligen Lebensgefährten Tim Montgomery waren immer wieder in Zusammenhang mit dem Skandal um das von Victor Conte geleitete Balco-Labor aufgetaucht. Jones war während ihrer gesamten Karriere nie positiv auf eine verbotene Substanz getestet worden, dennoch beschuldigte Conte sie des Dopings. Jones verklagte ihn auf 25 Mill. Dollar, später einigte man sich außergerichtlich.

Während die 31-jährige Jones nach ihrem Auftritt vor Gericht in Begleitung ihrer Mutter in einer schwarzen Limousine davonfuhr, ließ die Reaktion des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nicht lange auf sich warten. "Das ist ein trauriger Tag für den Sport. Das einzig Positive ist die Tatsache, dass ihr Geständnis hoffentlich den endgültigen Durchbruch in der Balco-Affäre bedeutet", sagte IOC-Präsident Jacques Rogge.

Das letzte Wort liegt nun beim Richter, der die Strafe zur Bewährung aussetzen oder Hausarrest anordnen kann. Die laut Gesetz mögliche Geldbuße von bis zu 500 000 Dollar dürfte wohl ebenfalls nicht verhängt werden, denn trotz jahrelanger üppiger Antrittsgelder und Sponsorenverträge ist Jones heute offenbar finanziell am Ende. Sie könne lediglich noch über 2 000 Dollar verfügen, hatte die einstige Werbe-Millionärin kürzlich behauptet.

Das 100-m-Gold von Sydney bekäme übrigens die Griechin Ekaterini Thanou, die von den Spielen 2004 wegen Nichterscheinens zur Dopingkontrolle ausgeschlossen worden war. Ihre Bestrafung kann nicht rückwirkend "erweitert" werden.

© SID

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