Leichtathletik-Europameisterschaft
Die Grande Dame der Leichtathletik

Franka Dietzsch ist die einzige amtierende deutsche Weltmeisterin. Bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Göteborg hat sie große Titelchancen. Zumindest auf dem Papier.

NEUBRANDENBURG. Erst der Reichtum, dann der Hochmut, schließlich der Untergang. „Vineta, Vineta, du rieke Stadt, Vineta sall unnergahn, wieldeß se hat väl Böses dahn“, so verkündet es die Sage der angeblich vor tausend Jahren untergegangenen Stadt auf Usedom. Genau bei Koserow, behauptet mancher Fachmann, lag Vineta dereinst, wurde reich durch Handel, verlor die Bodenhaftung, die Bürger beschlugen ihre Pferde mit Gold. Bis ein Strafgericht über die Stadt kam, die in einer Flut versank und nichts hinterließ als die Sage und einen Streit, wo genau Vineta einst golden glänzte – auch jenseits der nahen Grenze zu Polen nämlich reklamiert man den mythischen Ort für sich.

Die Sache kann jetzt aufgeklärt werden, denn: „Ich bin Vineta, das wiederauferstandene Goldmädchen aus Koserow!“ Das sagt Diskuswerferin Franka Dietzsch, und man könnte denken, aha, da haben wir's also. Erst der Reichtum, sprich Gold bei der letztjährigen WM in Helsinki, dazu 60 000 Goldtaler, pardon Dollar Preisgeld, mit denen zumindest das eine oder andere Pony zu beschlagen wäre, dann die Selbsterhöhung in Sphären mythischer Reinkarnation – und schließlich ...

Aber gemach. Hochmut passt so gut zu ihr wie ein Trabi auf den Nürburgring. Das mit Vineta war ein Scherz, eine selbstironische Aussage der inzwischen 38-jährigen Dietzsch, die zwar seit 1991 in Neubrandenburg lebt und für den dortigen SC startet, „aber zu Hause bin ich in Koserow auf Usedom, dort bin ich geboren, meine ganze Familie lebt da.“

Da liegen ihre Wurzeln, tief verwachsen im ostvorpommerschen Boden, der nährt keine Überheblichkeit. „Ich bin stinknormal“, sagt sie. „Manchmal fühle ich mich komisch, wenn die Leute sagen, ’guck mal, das ist die Weltmeisterin’." Die einzige deutsche Leichtathletin, die diesen Titel derzeit trägt, zum zweiten Mal nach 1999.

Nun kann sie in Göteborg auch ihr zweites EM-Gold holen, nach dem ersten Titelgewinn 1998. Heute sind die Vorkämpfe, am Donnerstag ist das Finale. Zumindest auf dem Papier stehen die Chancen so gut wie selten zuvor. Seit Mitte Juni führt die Athletin von Erfolgstrainer Dieter Kollark nicht nur die Europa-, sondern auch die Weltrangliste an. In Schönebeck (bei Magdeburg) flog ihr sportliches Arbeitsgerät auf 68,51 Meter.

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