Mit Anstecknadeln lassen sich bei Olympia sogar Polizisten bestechen: Ein Pin für alle Fälle

Mit Anstecknadeln lassen sich bei Olympia sogar Polizisten bestechen
Ein Pin für alle Fälle

Bevor der Euro das offizielle Währungsmittel wurde, haben die Italiener ihre Einkäufe, Strafzettel und Parktickets mit Lire bezahlt. Während der Olympischen Winterspiele müssen sich die Menschen in Turin und Umgebung erneut an ein neues Zahlungsmittel gewöhnen.

HB SESTRIERE. Energisch fuchtelt der Carabinieri mit seiner Kelle, Zornesröte färbt sein Gesicht. Ein deutscher Shuttle-Fahrer telefoniert mit dem Handy, während er im Auto sitzt. Gut, es ist mal wieder Stau und von Fahren kann keine Rede sein. Aber was nicht geht, geht nicht - nicht in Italien. Mit strammem Schritt stapft der Beamte zum Auto, verkündet dem Fahrer, was der italienische Staat mit Olympia-Gästen macht, die seine Gesetze missachten.

Der Telefon-Straftäter muss tief in die Tasche greifen: 100 Euro Strafe, dazu kommen fünf Punkte in die italienische Sünderkartei. Doch der junge Deutsche kennt das Zauberwort, das manches in Olympia verändern kann: "Pins?", fragt er und zieht fünf fingernagelgroße Anstecker aus der Tasche. Der Carabinieri schaut kurz, ein Lächeln huscht über sein Gesicht: "Grazie. Bon viaggio."

Ob Polizisten, Parkplatzwächter oder Disco-Türsteher - der Weg zu ihrem Wohlwollen führt derzeit über Anstecker. Auch die allgegenwärtigen Sprachbarrieren sind schnell überwunden: "Pin" ist ein internationales Codewort, das von Turin bis Sestriere jeder versteht.

Der Wechselkurs der inoffiziellen Olympia-Währung ist allerdings hoch volatil. Je nach Anliegen entspricht ein Pin einer Parkkarte für drei Euro - oder einem Strafzettel im dreistelligen Eurobereich. In der Herstellung kosten die kleinen Metallplättchen wenige Cents, auf dem olympischen Wünsche-Basar potenziert sich ihr Gegenwert mit hohen Raten. Dabei ist ihr Nutzen höchstens ideeller Natur. Zu inflationär ist das Angebot, als dass sich mit ihrem Weiterverkauf Geld verdienen ließe. Sportverbände, Olympia-Organisatoren, Bewerberstädte für kommende Großereignisse - sie alle überschwemmen den Markt. Wer bei Olympia etwas auf sich hält, hat immer einen Vorrat der kleinen Anstecker in der Tasche. Besonders offensiv versorgen die Sponsoren die Jugend der Welt mit Logos zum Anstecken. Ist die Marke platziert, kommen die Kunden von alleine, so die Hoffnung der Konzerne.

Für Pin-Händler, die auf eine hohe Olympia-Prämie hoffen, ist das Gift - die Preise fallen. Beim Internet-Auktionshaus Ebay bieten Sammler nur wenige Euro für Nadeln aus Turin. Bis in den Piemont ist diese Kunde noch nicht gedrungen. Für einen Pin der US-Mannschaft verlangen fliegende Händler bis zu 100 Euro. Damit sind sie fast so teuer wie die italienische Polizei.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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