Neue Regeln
Schnelles Cricket begeistert die Massen

Ein Cricket-Duell war bisher ein Marathon: Ein Match dauert mit Lunch- und Teepausen bis zu fünf Tage - zu lang für eine erfolgreiche TV-Vermarktung. Doch nun haben indische Geschäftsleute die Regeln vereinfacht, die Spielzeit verkürzt und den Gentleman-Sport damit zum Milliardengeschäft gemacht.

LONDON. Das Objekt der Begierde ist reichlich unspektakulär. Es geht um eine kleine, etwa zehn Zentimeter hohe Terrakotta-Urne, die mit Asche gefüllt ist. Doch in der gesamten Welt des Cricket, die in etwa dem alten britischen Kolonialgebiet entspricht, löst allein der Gedanke an „The Ashes“ Ehrfurcht und Begeisterung aus. Alle zwei Jahre streiten sich die Erzrivalen England und Australien um die unscheinbare Reliquie. Und die Tatsache, dass niemand so ganz genau weiß, was die Urne eigentlich enthält, scheint den Reiz nur noch zu erhöhen.

Am vergangenen Sonntag, kurz vor 17 Uhr, war es soweit. Der kleine rote Ball prallte vom Schläger des australischen Schlagmannes Mike Hussey ab und flog in die Hände des englischen Fängers Alastair Cook. Mit Hussey war der letze Australier ausgeschieden. Nach sieben Wochen und fünf bis zu fünf Tage langen Spielen hat England die diesjährige Ashes-Serie gewonnen. Die Zuschauer stimmten patriotische Gesänge an. Die begeisterten Fans hätten wohl auch ihre traditionellen Panamahüte in die Luft geworfen, wären die nicht so teuer gewesen.

Auch 127 Jahre nach dem ersten Duell zwischen dem Mutterland des Gentleman-Sports und der ehemaligen Sträflingskolonie kreist die Cricket-Welt noch immer um die winzige Urne – und mit der Asche lässt sich durchaus Geld verdienen. Der Satellitensender Sky ließ sich die Rechte für die Länderspiele des britischen Cricket-Teams für drei Jahre 300 Mio. Pfund kosten. Die DVD, die der englische Cricketverband nach dem letzten Ashes-Sieg auf den Markt gebracht hat, verkaufte sich immerhin 600 000 mal.

Aber die Begeisterung über das Traditionsturnier kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Sport, der für die meisten Mitteleuropäer wohl immer so exzentrisch bleiben wird wie die Vorliebe der Engländer für warmes Bier, von einer Revolution erschüttert wird. Ein Umbruch, den Cricket-Puristen für ein Sakrileg halten, begangen aus schnöder Geldgier. Denn das große Cricket-Geschäft wird längst nicht mehr im Mutterland des Gentleman-Sports gemacht, sondern in den aufstrebenden Schwellenländern, vor allem in Indien. Für die Marketing-Euphorie auf dem Subkontinent ist eine Abart des Spiels verantwortlich, die Matthew Engel, Sport-Kolumnist der Zeitung „Financial Times“, als „Cricket für Leute, die Cricket eigentlich nicht leiden können“, verdammt.

Normalerweise dauert ein internationales sogenanntes Testmatch mit seinen Lunch- und Teepausen bis zu fünf Tage – viel zu lang für die kurze Aufmerksamkeitsspanne der TV-Zuschauer. Deshalb entwickelte das englische Cricket-Board 2003 eine Kurzvariante des Spiels, „Twenty20“. Eine solche Partie dauert drei Stunden. Für die Traditionalisten ist das in etwa so, als würde ein Elfmeterschießen ein 90-minütiges Fußballspiel ersetzen.

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