Nick Heidfeld muss auch nach Rang zwei in Monaco um seinen Platz bei BMW-Williams kämpfen
Held in der Probezeit

Michael und Ralf Schumacher haben zwar mit ihrem Streit nach ihrem Beinahe-Crash für die Boulevard-Schlagzeilen gesorgt, die sportlich bemerkenswertere Leistung aber bot der Mönchengladbacher Nick Heidfeld mit seinem zweiten Platz.

MONTE CARLO. Erst als ihm der prominente Besucher mit der charakteristischen Ledermütze auf die Schulter klopfte, begriff Nick Heidfeld so langsam, was er soeben geleistet hatte. "Ein tolles Überholmanöver", sagte Jackie Stewart anerkennend, "wirklich klasse." Der dreimalige Formel-1-Weltmeister war entzückt von dem bemerkenswerten Vorfall in der 72. Runde des Großen Preises von Monaco am Sonntag. In jener Szene war der dritte deutsche Formel-1-Fahrer bei der Anfahrt zur Hafenschikane nicht nur aus dem Windschatten des WM-Führenden Fernando Alonso getreten, sondern auch ein wenig aus dem langen Schatten von Michael und Ralf Schumacher. Die beiden Brüder mochten mit ihrem Streit nach ihrem Beinahe-Crash für die Boulevard-Schlagzeilen gesorgt haben, die sportlich bemerkenswertere Leistung aber hatte der Mönchengladbacher mit seinem zweiten Platz geboten.

Bis vor kurzem konnte der 28-Jährige noch mehr oder weniger unbehelligt zwischen den großen Stars umherlaufen, am Sonntag zog er nach seinem Rennen einen Schwanz voller Bewunderer durch das Fahrerlager. Zu ihnen gehörte auch Mario Theissen. "Nick hat das hervorragend gemacht", sagte der BMW-Motorsportdirektor. "Er hat den richtigen Zeitpunkt abgewartet und ist dann sauber vorbeigegangen." Nach Jahren am Rande der sportlichen Bedeutungslosigkeit in zweitklassigen Teams wie Prost und Jordan war Heidfeld die ungewohnte Rolle des Helden zunächst fast ein wenig peinlich. Immer wieder erklärte er beinahe entschuldigend, dass die praktisch unbrauchbar gewordenen Reifen an Alonsos Renault den größten Anteil an dem tollen Ausbremsmanöver hatten.

Erst nach dem Ritterschlag von Jackie Stewart ging er offensiver mit dem vielleicht besten Rennen seiner Karriere um, in dessen Verlauf er auf einem Kurs, der nach einhelliger Meinung keine Überholvorgänge zulässt, von Startplatz sechs auf Rang zwei vorgefahren war. Er erklärte ausführlich, wie er geduldig auf seine Chance gewartet hatte und taktisch geschickt eine anstehende Überrundung ausgenutzt hatte. "Das war das beste Resultat meiner Karriere", sagte er überglücklich, "und hier in Monaco ist das noch ein bisschen schöner als woanders."

Schöner auch deswegen, weil der sonst eher unscheinbare Arbeiter vor der Saison nicht die erste Wahl bei BMW-Williams gewesen war und vom zweifelnden Teamchef Frank Williams nur einen Vertrag bis Ende 2005 bekommen hatte - sozusagen ein Engagement mit einjähriger Probezeit. Am Sonntag hat Nick Heidfeld beim wichtigsten Rennen des Jahres vor allen Geldgebern des Rennstalls und 800 Millionen Fernsehzuschauern bewiesen, dass diese Zweifel ungerechtfertigt waren. Aber auch wenn sein Stellenwert innerhalb des Teams seither gestiegen ist, wird Heidfeld weiterhin darum kämpfen müssen, seinen Arbeitsplatz auch über diese Saison hinaus behalten zu dürfen. Der ehemalige Williams-Technikchef Patrick Head, im Hintergrund noch immer einer der einflussreichsten Männer des Rennstalls, machte ihm das unmissverständlich klar. "Gut gemacht", sagte er, klopfte Heidfeld auf die Schulter und schob augenzwinkernd, aber bestimmt hinterher: "Das nächste Mal geht?s aber noch eine Stufe höher, okay?" Für einen Moment gefror das Lächeln in Nick Heidfelds Gesicht, dann fand er sein Selbstbewusstsein wieder. "Vielleicht kann ich in diesem Jahr ja noch ein Rennen gewinnen", erwiderte er und ging wieder hinüber zu Jackie Stewart.

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