Nowitzkis 20. NBA-Saison
Die Rückkehr der Mumie

Dirk Nowitzki geht in seine 20. und vielleicht letzte NBA-Spielzeit. Zum Auftakt ging es für die „große Mumie“ gegen Dennis Schröder. Der braucht den Vergleich nicht zu scheuen – tut es aber aus den richtigen Gründen.
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Düsseldorf19 Jahre sind eine lange Zeit. 1998 beendete Gerhard Schröder die 16 Jahre dauernde Amtszeit Helmut Kohls als Bundeskanzler. Frankreich war Fußballweltmeister, Oliver Petszokats Cover-Version von Grönemeyers „Flugzeuge im Bauch“ war sieben Wochen lang die Nummer eins der Charts und der weltweit erfolgreichste Film war das Asteroiden-Drama „Armageddon“. Und am 24. Juni wurde im Zuge des NBA-Drafts ein gewisser Dirk Werner Nowitzki zunächst ins Team der Milwaukee Bucks gewählt. Doch noch in derselben Nacht wurde der wasserstoffblondierte Schlacks aus Würzburg, fünf Tage zuvor 20 Jahre alt geworden, zu den Dallas Mavericks transferiert. Im Mai 1999 folgte sein erster Einsatz in der besten Basketballliga der Welt.

In der Nacht zum 19. Oktober wird dieser Nowitzki sein 1395. reguläres Saisonspiel für den Klub aus Texas bestreiten, hinzu kommen 145 Play-Off-Partien. Mit nunmehr 39 Jahren geht er in seine 20. NBA-Spielzeit. Und Nowitzki ist längst zur Sportlegende geworden.

Zur Legende möchte ein anderer deutscher Spieler auch werden: Dennis Schröder. Ein Star ist der Spielmacher der Atlanta Hawks bereits. Der 24-Jährige hat sich, wie einst Nowitzki, über stetig steigende Leistungen, in die Startaufstellung seines Teams gekämpft. Schröder gilt auf seiner Position als talentiert, gar als kommender All-Star. In der vergangenen Saison legte der gebürtige Braunschweiger mehr als 17 Punkte und sechs Vorlagen pro Partie auf. Bei der Europameisterschaft im Sommer führte Schröder die Nationalmannschaft als Kapitän mit überragenden Leistungen bis ins Viertelfinale. Und zum Auftakt der Saison kommt es gleich zum Duell der Generation: Altmeister Nowitzki und die Mavericks empfangen Jungstar Schröder und die Hawks. Es ist ein Duell, vor dem klar ist, dass es schon an Unfairness grenzt, wenn beide Spieler miteinander verglichen werden. Unfair, da Spielstil, Vita und Erwartungshorizont zu unterschiedlich sind. „Ich bin halt Dennis. Ich will nicht wie Dirk sein“, sagte Schröder selbst noch im August in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“.

Die Lebensläufe beider Spieler sind von Vorurteilen geprägt. Nowitzki, der von Experten als zu dünn für die NBA beurteilt wurde. Schröder, dem der Ruf der Arroganz und Egozentrik nacheilt. Beiden gemein ist das ungeheure Talent mit dem Ball. Nowitzki, der einst von NBA-Scouts entdeckt wurde, als er spektakulär gegen Basketball-Legende Charles Barkley einen Korb erzielte, entwickelte seine ganz eigene Spielweise, um den vermeintlichen körperlichen Defiziten zu entkommen. 2,13 Meter ist der Würzburger groß, die meisten seiner Punkte erzielt er noch heute durch Würfe von außen. Obwohl er auf der Position des „Power Forwards“ eher unter den Körben agieren sollte, verweigerte er den Aufbau von Muskelmasse, da es ihn seiner Beweglichkeit beraubt hätte. Stattdessen perfektionierte er den „Fade Away Jumpshot“, einen Sprungwurf, bei dem er nach hinten abkippt. Ein Wurf, der praktisch als nicht zu verteidigen gilt. Wer Nowitzki fragt, erhält als Antwort: Er habe versucht, Haakeem Olajuwons „Dream Shake“ zu kopieren, aber daran scheiterte. „Ich habe einen Wurf entwickelt, bei dem ich mich nur unathletisch nach hinten fallen lassen und den Ball reinheben muss“, beschreibt es der Mann mit der Trikotnummer 41.

Nowitzkis Bescheidenheit bezüglich der eigenen Leistung teilen die wenigsten Experten. „Er hat das Spiel verändert“, sagte unlängst Trainerlegende Doc Rivers der dpa. Den Stil des vielseitigen, wurfstarken Power Forwards hat Nowitzki so geprägt, dass er viele Nachahmer fand. Wegbereiter war einst der große Larry Bird, selbst ein Meister des Distanzwurfs. Aber Nowitzki brachte der NBA bei, den europäischen Basketball schätzen zu lernen. Und teilweise mit der Brechstange nach seinen Nachfolgern zu suchen. Nowitzki ist für seinen Trainingsfleiß bekannt. Tyson Chandler, der 2011 an der Seite des Deutschen entscheidenden Einfluss auf den Gewinn des ersten und einzigen Titels der Mavericks hatte, sagte nach seinem Wechsel einmal: Jedes Mal, wenn er zu Sonderschichten in die Halle kam, sei Nowitzki schon dort gewesen. Wurf auf Wurf auf Wurf habe er genommen. „Trainiere wie Nowitzki“, ist zu einem geflügelten Satz in der NBA geworden. „Und das zeigt nur, dass er nie zufrieden sein wird und auch nie zufrieden mit seinem Spiel sein will, er möchte gewinnen und er ist bereit, alles dafür zu tun, was notwendig ist“, zollte Chandler seinen Respekt.

Ironischerweise ist das eine Tugend, mit der sich Dennis Schröder herumplagen muss. Schröder ist ein klassischer, sehr amerikanischer Spielertyp. Während Nowitzki lange Tennis spielte und erst spät zum Basketball kam, lernte Schröder das Spiel auf der Straße. Dort, wo Schnelligkeit, Durchsetzungsvermögen und Athletik zählen. Wo Basketball nicht das körperlose Spiel ist, wie es die Regeln eigentlich vorsehen.

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