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Obergföll nach "Wurf ihres Lebens" fassungslos

Christina Obergföll starrte ungläubig in die Runde, konnte ihr Glück kaum fassen. "Ich weiß selbst nicht, wie ich das gemacht habe", jubelte die Speerwerferin nach dem Gewinn der Silbermedaille bei der WM in Helsinki.

Die Augen funkelten, die Wangen glühten: Auch eine Stunde nach dem "vorläufigen Wurf ihres Lebens" verstand Christina Obergföll die Welt nicht mehr. "Ich weiß selbst nicht, wie ich das gemacht habe. Ich bin absolut fassungslos", erzählte die 23 Jahre alte Speerwerferin, und ihre Stimme überschlug sich fast.

Wenige Meter weiter rang Trainer Werner Daniels ebenfalls um Fassung. "Ich stehe hier und weiß nicht, was ich tun soll. Da muss irgendein finnischer Waldgeist nachgeholfen haben", meinte der Coach, nachdem sein Schützling mit Silber vor der Olympia-Zweiten Steffi Nerius (Leverkusen) und Europarekord im WM-Finale den erfreulichen deutschen Schlusspunkt hinter die WM gesetzt hatte: "Ich weiß nicht, wie das geklappt hat. Aber das kommt nicht vom Himmel und auch nicht vom Doping."

"Es lag nicht an der Thermik"

Mit 70,03m hatte die WM-Debütantin am Schlusstag den fünf Jahre alten Europarekord der Norwegerin Trine Hattestad um 55 Zentimeter und ihre persönliche Bestleistung um fast fünfeinhalb Meter verbessert. Der Weltrekord der kubanischen Olympiasiegerin Osleidys Menendez von 71,70m ließ den Rückschluss zu, dass daran auch günstige Windverhältnisse ihren Anteil hatten. Dies bestritt die deutsche Vizemeisterin vehement. "Es war etwas Rückenwind, und ich weiß, dass man solche Würfe nicht oft im Leben erwischt", meinte sie: "Aber ich denke, es lag nicht an der Thermik, sondern wirklich an mir."

Christinas Lebensgefährte Christian Nicolay saß auf der Tribüne und schüttelte ungläubig den Kopf. "Ich bin ratlos, ich habe wirklich keine Ahnung, wie das geklappt hat", meinte der Wattenscheider, der in der Speerwurf-Qualifikation gescheitert war. Dass das Preisgeld von 30 000 Dollar die Familien-Planung beschleunige, verneinte der 29-Jährige schmunzelnd: "Das hat damit nichts zu tun. Außerdem ist das ganz allein ihr Geld."

Hohe Erwartungen für die Zukunft

Doch mit dem Lohn steigt auch der Druck. "Ich hoffe, dass man jetzt nicht jedes Mal 68 Meter von mir erwartet", meinte die neue Europarekordlerin, und ihr Trainer pflichtete ihr bei. "Es wird auch wieder schlechtere Tage geben, schließlich ist Christina noch nicht ausgereift", sagte Daniels: "Wenn sie hier mit 65m Rang vier gemacht hätte, hätte es schon eine Riesenfeier gegeben."

Die Konkurrenz hat allerdings bereits großen Respekt. "Der Coach von Menendez hat immer gesagt: In zwei Jahren geht es nur noch um den Zweikampf zwischen Osleidys und Christina", erzählte Daniels: "Vielleicht hat er ja Recht."

Nerius: "Das sieht richtig gesundheitsschädlich aus"

DLV-Präsident Clemens Prokop prophezeite Obergföll umgehend "eine große Zukunft". Und Steffi Nerius, die mit Bronze und 65,96m den deutschen Erfolg komplettierte, gestand: "Wenn ich Christina werfen sehe, frage ich mich, warum sie sich nicht weh tut. Das sieht richtig gesundheitsschädlich aus. Aber scheinbar ist es ungemein effektiv."

Mit dem ersten deutschen Medaillen-Double seit den Diskuswerfern Lars Riedel (Gold) und Michael Möllenbeck (Bronze) 2001 in Edmonton polierten die beiden Speerwerferinnen zum Abschluss die deutsche Bilanz kräftig auf. "Das war noch einmal ein echtes Glanzlicht, und darauf sind wir stolz", meinte Nerius. Von Genugtuung nach ihrer Präsidenten-Schelte vor dem WM-Start wollte sie aber nichts wissen: "Das ist lange ausgeräumt."

© SID

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