Olympia 2016
Tokio reißt seine Bürger aus der Lethargie

Die Organisatoren der Olympiabewerbung Tokios atmen auf. Japans Ministerpräsident Yukio Hatoyama reist nach Kopenhagen, um die Kandidatur der Hauptstadt für 2016 zu unterstützen. Das Organisationskomitee hatte die kurzfristige Zusage schon erahnt - und vorsichtshalber Hotelzimmer gebucht. Doch nur 55 Prozent der Bürger steht hinter der Bewerbung

TOKIO. Grund für das Zögern Hatoyamas: Für den frisch gewählten Premier ist die Europareise aus parteipolitischen Gründen nicht sehr dringend. Tokios Bewerbung gilt als Lieblingsprojekt des nationalistischen Gouverneurs der japanischen Hauptstadt, Shintaro Ishihara. Hatoyamas links ausgerichtete Partei stand dem Projekt kritisch gegenüber. Dennoch sichert die Regierung ihre Unterstützung zu. "Obwohl es einen Regierungswechsel gegeben hat, ändert sich Japans Haltung zu den Spielen nicht", heißt es.

Umfragen zufolge stehen nur 55 Prozent der Bürger hinter der Bewerbung, ein Viertel ist ausdrücklich dagegen. Die schwächelnde Wirtschaft hat für viele Vorrang vor dem teuren Sportereignis. Dennoch hat die Kandidatur zuletzt an Elan gewonnen. Vergangene Woche marschierten 400 000 Unterstützer mit Transparenten durch die Luxus-Einkaufsstraße Omotesando - links Gucci, rechts Versace, in der Mitte Trommler in traditionellen japanischen Kostümen. Das Bewerbungskomitee mobilisiert in letzter Minute alle Kräfte.

"Auslandsreisen sind teuer und schwierig, das ist vielleicht meine einzige Chance, bei Olympia ins Stadion zu kommen", sagt Emiko. Die 13-Jährige marschiert mit ihrem Gymnastikklub und schlendert dann verschwitzt zum Shoppen durch die Seitenstraßen. Das Bewerbungskomitee behauptet, 27 Millionen Bürger Tokios unterstützten die Spiele - auch wenn die Präfektur nur 13 Millionen Einwohner hat.

Als Tokio den Zuschlag für die Sommerspiele 1964 erhielt, war das ein großer Fortschritt - der Kriegsverlierer gehörte wieder zur Weltgemeinschaft. Nippon präsentierte sich als modernes Technikland und geriet in einen Olympia-Rausch, wie auch Korea 1988 und China 2008. Heute muss Japan als etablierte Industriemacht keinem mehr etwas beweisen. "Solche Spiele sind einfach nur viel zu teuer", sagt der Lkw-Fahrer Yusuke. "Wenn, dann hätte eine andere Region zum Zug kommen sollen." Die südlich gelegene Großstadt Fukuoka hatte Interesse und gute Bedingungen zu bieten. Doch Tokio drängelte sich vor, Fukuoka musste zurückziehen.

Die Bewerbung der Hauptstadt gilt indes als ausgereift. Weltweit besitzt kaum eine Metropole so gute Luft und so gute Infrastruktur. Tokio ist sicher, sauber und behindertengerecht; Sportstätten sind vorhanden und für neue Stadien steht genug Geld zur Verfügung. Im Kontrast zu den verschwenderischen Spielen von Peking soll alles umweltfreundlich und unkompliziert ablaufen.

Doch Zeitungen zeigten ihren Lesern zuletzt in Zeitleisten, warum sich Japan kaum Hoffnungen zu machen braucht. Statistisch vergab das IOC nur alle 20 bis 24 Jahre die Spiele nach Asien. Nach Peking 2008 dürfte es also erst 2028 so weit sein.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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