Olympia in Turin bleibt eine Baustelle
Zwischen Tundra und Pleite

Italien, das Land, dass sich so gern den Zusatz "bella" an Eigenbeschreibungen klebt, präsentierte sich in der ersten Olympiawoche wie die Manifestation aller germanischen Vorurteile: chaotisch organisiert, stimmungsvoll nur gegenüber den Landsleuten - und nun anscheinend auch drastisch unterfinanziert.

SESTRIERE/DÜSSELDORF. Eigentlich fehlt nur noch ein Schild mit der Aufschrift: "Betreten der Baustelle verboten - Verbände haften für ihre Athleten". Schließlich könnte sich mal einer verirren, auf die hässliche Baustelle am Olympischen Dorf in Sestriere. Neue Appartments sollen hier entstehen - bis zu den Spielen ist es allerdings nichts geworden. Statt einer Warnung verdeckt ein orangefarbenes Plakat mit dem Olympia-Motto das Baudebakel: "Passion lives here". "Leidenschaft - das kann ja mal nicht schaden", denkt der Passant. In der Eisschnelllauf-Halle ist es nicht besser: Mehrere Top-Läufer klagen über Lungenschmerzen - wegen des Baustaubs in der Luft.

"Das Organisationskomitee Toroc hat keinen flüssigen Cent mehr in der Kasse, um Lieferanten zu bezahlen", schreibt die Tageszeitung "La Stampa". Die Stadt Turin müsse eine Zahlung von 19 Millionen Euro an Toroc vorziehen, nachdem einige Firmen gedroht hätten, die Zusammenarbeit sofort einzustellen.

Das erklärt wohl die tundraartigen Straßenverhältnisse: Busse mit Besuchern holpern meist über Straßen, auf denen bereits Splitt liegt - es zum Teeren aber nicht mehr gereicht hat. Anschließend stapfen die Fans auf matschigen Waldwegen zu den Stadien, wo sie schmutzig und frustriert ankommen - und oft viel zu spät, dank des chaotischen Bus-Systems. Als Abhilfe legen die Organisatoren grüne Grasmatten über das sumpfige Terrain - die sich in der Kälte in curlingtaugliche Eisbahnen verwandeln. Dezent weisen Schilder mit der Aufschrift "Vorsicht Glätte" auf die Möglichkeit des Oberschenkelhalsbruchs hin.

Gepaart mit völlig überzogenen Ticketpreisen ergibt das leere Tribünen und wenig Stimmung. Das bemängelt auch Klaus Steinbach, der deutsche Chef de Mission: "Vor halb leeren Rängen Sport zu machen, ist schon manchmal traurig." Der Präsident des Internationalen Skiverbandes (FIS), Gianfranco Kasper, erkennt ein Problem, das auch die Fußball-WM in Deutschland treffen könnte: "Das IOC zwingt die Sponsoren, zu viele Karten zu kaufen. Aber man ist nicht daran interessiert, ob die Zuschauer wirklich die Wettkämpfe verfolgen."

Toroc setzt nun auf eine Geiz-ist-geil-Strategie: Für den 50-Kilometer-Langlauf werden 8000 Tickets zum Kampfpreis von 10 Euro angeboten. Dies sei aber nur für diesen letzten Wettbewerb möglich, an anderen Tagen wäre das Transportsystem zusammengebrochen, lautet die Erklärung.

Athleten aber, die unwürdige Szenen wie die Siegesfeier der alpinen Kombination vor 100 Zuschauern erleben, wird auch das nicht begeistern. Vielleicht lebt die Leidenschaft ja wirklich in Sestriere und Turin - während der olympischen Spiele scheint sie aber nicht zuhause zu sein.

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