Olympia-Pfarrer Thomas Weber und Hans-Gerd Schütt
Mehr als ein kirchlicher Auftrag

Welcher Olympionike wünscht ihn sich nicht, den Beistand von oben? Vielleicht habane Hans-Gerd Schütt und Thomas Weber deshalb bei den deutschen Athleten alle Hände voll zu tun.

SESTRIERE. Thomas Weber erzählt mehr, als dass er predigt. Er spricht von der Geschichte, in der Jesus seine Jünger mit auf einen hohen Berg nimmt, um den unangenehmen Alltag im Tal hinter sich zu lassen. Die Stimme des 193 Zentimeter großen Hünen ist sanft, aber pointiert und ausdrucksstark. Weber hat elf Zuhörer. Drei sind Journalisten, die mehr an ihm als an Jesus interessiert sind; ein Fotograf, den die Geschichte fesselt und der darüber seinen Auftrag fast vergisst, und Webers Kompagnon Hans-Gerd Schütt, ein katholischer Geistlicher. Zwei Kameraleute bannen die 15-minütige Andacht auf Zelluloid, ihr Interesse gilt einzig Ton und Bild.

Weber und Schütt sind selbst auf einen Berg gekommen - die ökumenische Andacht findet im Deutschen Haus in Sestriere auf 2035 Meter Höhe statt. Sportpfarrer sind sie, Weber evangelisch, Schütt katholisch. Auch dort oben entrinnen sie nicht dem kirchlichen Alltag: vier ernsthaft interessierte Zuhörer, während im Haus mehr als 100 Leute herumtoben. Doch Schütts rheinische Frohnatur erschüttert das nicht. "Die Bedingungen hier machen Gottesdienste schwierig. Die Sportler haben unterschiedliche Trainingspläne und Wettkämpfe sind rund um Turin weit verstreut", sagt der Sportbeauftragte der katholischen Bischofskonferenz, der schon bei den Sommerspielen in Athen dabei war. "Es gibt keinen Termin, der allen passt."

Also gehen Schütt und Weber, der schon auf zwei Universaden Sportpfarrer war, regelmäßig zu Wettkämpfen, sprechen Athleten, Trainer und Betreuer an und versuchen, "ein Vertrauensverhältnis aufzubauen". Zum Beispiel am Dienstag bei den Männern in der Wachskammer der Biathleten: "Dort haben wir mit den Jungs erst mal mit einen doppelten Obstler auf den Staffelsieg angestoßen", erzählt Schütt.

Religion zum Anfassen, die ankommt. "Es gibt Sportler, die wir hier kennen lernen und die uns schon privat eingeladen haben, um in Ruhe mit uns ihre Probleme zu besprechen", sagt Schütt. "Für viele sind wir auch Exoten, deshalb ist es für sie interessant, mit uns zu sprechen." Und oft fällt den beiden die Rolle als Maskottchen zu: "Die Rodler haben uns vor ihren Wettkämpfen gefragt, ob wir kommen und ihnen die Daumen drücken", sagt Schütt. Natürlich haben sie das gemacht - Gott als Glücksbringer.

Doch Schütt und Weber führen auch ernste, seelsorgerische Gespräche. Die Themen? "Familie, Freundschaft und Beziehung." Und häufig stellen die Menschen eine Frage, die Schütt nach eigener Aussage noch nie gehört hat: "Was macht eigentlich ein Pfarrer", wolle manch einer aus den neuen Bundesländern wissen. "Das ist nicht einfach zu beschreiben", sagt Schütt schmunzelnd.

Vielleicht würde ihnen die Erklärung leichter fallen, wenn sie in ihrer offiziellen Dienstkleidung aufträten. Doch das NOK hat Schütt und Weber mit der Olympia-Kleidung ausgerüstet - sie fallen gar nicht als Geistliche auf. "Es wäre schon einfacher, wenn wir Römerkragen trügen", sagt Schütt, der seiner rundlichen Statur wie ein Film-Pfarrer wirkt. Aber das habe auch Nachteile: "Dann muss man immer ein Hemd anziehen. Und dafür ist es hier ein bisschen zu kalt."

Grischa Brower-Rabinowitsch
Grischa Brower-Rabinowitsch
Handelsblatt / Ressortleiter Unternehmen & Märkte
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