Cheerleader für das Team

Nordkoreanische Cheerleader jubelten dem geeinten Team über das Spiel hinweg zu.

(Foto: imago/Kyodo News)

Olympische Spiele Auf dem Eis eine Nation

Das koreanische Team im Eishockey der Damen tritt mit Athletinnen aus Nord und Süd an. Gegner im nächsten Spiel ist ausgerechnet Japan.
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Es ein historisches Beispiel für die völkerverbindende Funktion des Sports, sorgt aber auch für erheblichen Unmut: das gemeinsame Frauenteam im Eishockey von Nord- und Südkorea. Gefreut haben sich vor allem diejenigen, die mit dem Geschehen auf dem Eis nur indirekt zu tun haben. „Das ist eine wertvolle Chance, die Tür zu öffnen“, jubelte Moon Jae In, Südkoreas liberaler Präsident, als die Nachricht Mitte Januar verkündet wurde.

Nationale Medien waren begeistert, das Ausland spekulierte schon über eine Wiedervereinigung. Aber die Ausführenden waren nicht so guter Dinge. „Da kann man wohl nichts machen“, schnaufte Sarah Murray, die Nationaltrainerin Südkoreas, bei einer Pressekonferenz in die Mikrofone. „Es war eine Vorgabe von oben.“ Widersetzen würde sie sich den Weisungen zwar nicht, aber Murray betonte: „Was die Aufstellung angeht, habe ich die Hoheit.“

Um die sportlichen Ergebnisse ist es dabei von vornerein nicht gegangen. Auch deshalb wird der diplomatische Deal auf dem Rücken des Eishockeys der Frauen ausgetragen, was in beiden Ländern keine Tradition hat. Seit ein paar Tagen aber ist es historisch: in diesem Team machen Südkoreanerinnen und Nordkoreanerinnen gemeinsame Sache.

Athletinnen der zwei Staaten also, die seit dem Ende des Koreakriegs vor 65 Jahren bloß in einem Waffenstillstand verharren, spielen auf dem Eis zusammen gegen den Rest der Welt. Dass die Koreaner es nicht gewohnt sind, Seite and Seite zu spielen, war den Eishockeyfrauen von Anfang anzusehen.

Das erste Gruppenspiel am Samstag gegen die Schweiz ging mit 0:8 verloren, das zweite gegen Schweden am Montag ebenfalls. Wenn Nordkoreanerinnen auf dem Eis standen, fiel das Niveau etwas ab, wenngleich es in der Halle umso lauter wurde. Nordkoreas Delegation hat einen Corps von Cheerleadern mitgebracht, der die gesamten Partien hindurch von unterschiedlichen Blöcken der Tribüne aus synchron mit Fahnen wedelt und ihre Mannschaft anfeuert. Zumal hier die Flagge mit der hellblauen Silhouette der gesamten koreanischen Halbinsel hochgehalten wird, die Flagge der Einigkeit. Damit können die Spiele von Pyeongchang kurzfristig schon als diplomatischer Erfolg durchgehen.

Wenige Wochen zuvor jagte Nordkoreas Regierung noch Raketen in die Luft, um ihre Atommacht zu demonstrieren, tauschte zudem mit den USA fast regelmäßig Kriegsdrohungen aus. Und jetzt? Das gemeinsame Eishockeyteam ist nur der Höhepunkt. Insgesamt treten 22 nordkoreanische Sportler in fünf Disziplinen an, obwohl sich auf sportlichem Wege nur zwei qualifiziert hatten. „Der Sport baut Brücken, keine Mauern“, hat der IOC-Präsident Thomas Bach diese Kulanz erklärt.

So liefen die Koreaner am Abend der Eröffnungsfeier auch gemeinsam ins Stadion. Ist jetzt alles gut? Darüber wird derzeit gestritten. Schon als das vereinigte Team Korea Ende Januar ein erstes gemeinsames Testspiel gegen Schweden absolvierte, reisten aus ganz Südkorea 3.000 Fans ins Stadion, um das Spiel zu sehen. Sobald die Spielerinnen zusammen aufs Eis traten, rauschte Jubel auf, wie auch jetzt während Olympia.

Mittlerweile findet selbst die skeptische Trainerin Murray lobende Worte: „Die Nordkoreanerinnen sind wirklich motiviert. Sie wollen lernen.“ Und sie hätten sogar „wirklich gut gespielt“. Unterdessen aber demonstrieren draußen vorm Stadion einige lautstarke Gegner Nordkoreas, zerreißen die Flagge des Nordens und empören sich über die Bühne, die nun dem Diktator Kim Jong Un geboten werde. Durch Korea verläuft nicht nur diese eine militärisch bewachte Grenze, die das Land über die Mitte der Halbinsel in Nord und Süd teilt, in anachronistischen Kommunismus und teils brutalen Kapitalismus.

Zumindest Südkorea unterscheidet sich zudem in ein rechtskonservatives und ein liberales Lager. Erste sehen die südkoreanische Militärdiktatur, die bis in die 1980er-Jahre herrschte, etwas weniger kritisch, alles mit Bezug zu Nordkorea dafür umso mehr. Die Liberalen, die seit kurzem regieren, bemühen sich dagegen um Verständigung mit dem Norden. So sind die Gegner der Idee um das pankoreanische Fraueneishockey vor allem Konservative.

Mehrere Umfragen zeigen, wie kontrovers das Thema ist: obwohl die Mehrheit der Südkoreaner die nordkoreanische Teilnahme bei Olympia befürwortet, ist nur eine Minderheit für das gemeinsame Eishockeyteam. Auch nur vier von zehn Koreanern sehen die hellblauweiße Einigkeitsflagge gern. Die Unterstützung für den Präsidenten Moon Jae In ist seit seinen olympischen Willkommensgesten gegenüber Nordkorea auf den Tiefststand von 67 Prozent gesunken. Die Spielerinnen haben unterdessen mit weiteren Problemen zu kämpfen. „Im Norden haben sie ein anderes Vokabular für Eishockey“, berichtet die südkoreanische Spielerin Randi Griffin. So werde beim Training viel Zeit dafür verwendet, Übersetzungsarbeit zu leisten.

Und dann sind da Fragen der Harmonie, die durch die politisch angeordnete Umstellung des Kaders beschädigt wurde. Die kurzerhand aussortierte Südkoreanerin Lee Min Ji schrieb in einer langen Botschaft auf Instagram, die sie später wieder löschte: „Wie sollen die Spielerinnen zufrieden sein mit dieser Situation, wenn sie wissen, dass jede von ihnen eine der Geopferten sein könnte?“ Aber vielleicht, so bleibt die Hoffnung in allen politischen Lagern, ist dies ja der Beginn von besseren Beziehungen zwischen Nord und Süd.

Auch wenn man das in Korea schon häufiger dachte und symbolische Einigungsaktionen anderswo auf der Welt längst nicht immer die gewünschten Effekte hatten: auf dem Eis gemeinsam das Beste zu geben, das könnte verbindend wirken. Am Mittwoch spielen die Frauen gegen Japan, ein Land, mit dem beide Koreas schonmal politische Probleme haben.

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