Poker-Kolumne (2)
Ab zum Friseur

Bei Pokern ist ein klar definiertes Image mindestens so viel wert wie gute Karten. Aber bei mir nicht: Ich habe ein großes Imageproblem. Denn ich habe keines. Und das ist gerade bei diesem Spiel wirklich ein Problem.
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Vor Jahren habe ich einmal an einem Selbsterfahrungsseminar teilgenommen. Eine Übung bestand darin, sich gegenseitig zu sagen, wie man den anderen wahrnimmt. Meiner Freundin sagte ein Lehrer aus Baden-Württemberg, dass er bei ihr ganz viel Licht sehe, ihre Aura goldfarben schimmert und sie ihn an einen Bergkristall erinnere. Sie zehrt noch heute davon und denkt in schlechten Momenten an das Licht aus Baden-Württemberg.

Mein Gegenüber war wahrscheinlich die einzige nicht-esoterische Person in diesem Seminar. Die Frau sah mich an, sagte „nett“ und fragte dann, ob wir die Übung abkürzen können, weil sie unglaublich nötig auf die Toilette müsse.

Jüngst hatte ich ein Déja-Vu. Im Casino am Alexanderplatz kam ich mit anderen Spielern auf das Thema Image. Ich fragte einen Mitspieler, wie wie er mich am Tisch wahrnimmt. Zugegeben, die Chancen standen von vornherein wohl eher schlecht, dass er mich mit einem Bergkristall vergleichen würde. Aber was kam, enttäuschte mich dann doch ein wenig. Er sah mich an und sagte: „Schwer zu sagen.“

Er zuckte ratlos mit den Schultern. Das „schwer zu sagen“ war leider kein „Du-bist-undurchschaubar-und-wir-wissen-alle-nicht-weiter-und-sind-verzweifelt-du-geniale-Über-Spielerin“, sondern ganz klar ein „Schwer-zu-sagen-weiß-nicht.“

Wenn ich ihn noch weiter gelöchert hätte, hätte er sicher auch noch „nett“ gesagt. Kurz: In einem Spiel, in dem ein klar definiertes Image mindestens so viel wert ist wie gute Karten, war ich mal wieder ganz vorne mit dabei. Katastrophe.

Der Mensch braucht Studien zufolge sieben Sekunden, um einen anderen zu beurteilen. Der Pokerspieler schafft es in fünf. Ach was, einer Sekunde. Und meistens sind die Schlüsse, die man vom äußeren Erscheinungsbild auf die Spielweise zieht, gar nicht so falsch.

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