Poker-Kolumne (6)
Texaner müsste man sein

Wer kann, der kann: Profis machen aus schlechten Karten Millionen, unsere Autorin verliert selbst mit Assen. Während sie absackt, muss sie sich mit mitleidigen Sprüchen der Profis abfinden – und kämpft mit dem Wahnsinn.
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BerlinVor drei Wochen dachte ich für etwa fünf Sekunden, ich wäre ein goldener Gott. (Der Pokergott hatte aus meinem kümmerlichen Bube-2 ein Full House gemacht!) Aber man muss den Tatsachen wohl ins Auge blicken: Doyle Brunson ist es.

Der 81-jährige Texaner gehört zu den erfolgreichsten Spielern der Pokergeschichte, sieht dazu noch unwahrscheinlich lässig aus (er trägt grundsätzlich einen Cowboyhut) und hat – Achtung, jetzt kommen eine Menge Ausrufezeichen – zwei Mal in Folge (!) das wichtigste Pokerturnier der Welt (!) mit der objektiv wirklich miesen Hand 10-2 (!) gewonnen (!). Dieser Mann ist eigentlich ein wahr gewordenes Ausrufezeichen. Die Hand 10-2 wird seitdem übrigens die Doyle-Brunson-Hand genannt. So schreibt man Geschichte.

Zurück zu uns Normalsterblichen. Natürlich verliere ich mit der Kombi 10-2. Das tut jeder. Doch das Besondere momentan: Ich verliere auch mit Buben. Und Damen. Und Königen. Und selbst mit Assen. Eigentlich verliere ich mit allem, was das Pokerblatt so her gibt. Habe ich eine Straße, hat der andere einen Flush. Habe ich einen Drilling, hat der andere eine Straße. Als ich ein Full House hatte, sagte ich laut: Jetzt aber. Der Vierling neben mir sagte: Jetzt wohl doch nicht.

Pokerspieler nennen das: Downswing. Was erst einmal nett klingt, heißt eigentlich auf gut deutsch: Nichts geht mehr. Pokerprofis haben meistens nur ein mildes Lächeln für einen übrig, wenn man sich mit puckender Halsschlagader darüber aufregt, dass der andere auf dem River doch tatsächlich den Vierling bekommen hat. Oder dass die Buben wieder einmal nicht gehalten haben. Oder dass der andere ein höheres Set gefloppt hat. Weitere Aufzählungen sind unendlich möglich! Unendlich!

Die Reaktionen der Profis sind immer dieselben: „Das ist doch ganz normal, dass man mal schlechte Phasen hat.“
„Die hohe Varianz beim Poker macht Pechsträhnen einfach unumgänglich.“
„Lass dich nicht zu sehr davon beeinflussen.“
„Das geht vorüber.“
Und: „Betrachte das Spiel langfristig. Die Pechsträhne ist nur eine Phase, in der kosmischen Gesamtheit des Spiels nicht der Rede wert.“

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Nichts geht mehr

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