Portrait des deutschen America's Cup-Team-Chefs
Eine Landratte setzt Segel und Zeichen

Der gelernte Bankkaufmann Michael Scheeren hat das America's Cup-Team „United Internet Germany“ in stürmischen Zeiten übernommen; interne Querelen belasteten die Vorbereitungen. Umso näher will der neue Teamchef jetzt bei der Mannschaft sein.

HB BERLIN. Um es gleich zu sagen. Damit nicht etwa die nächste Wohnortsdebatte wie eine Sturmflut über das geplagte Sport-Deutschland herein bricht. Michael Scheeren weiß natürlich, wohin er als Teammanager gehört. „Ich werde“, sagt der 48-Jährige, „im Schnitt drei Tage in der Woche in Valencia sein. Bei der Mannschaft. Denn der direkte Kontakt zum Team ist wichtig, auch wenn ich mit der sportlichen Seite nur bedingt etwas zu tun habe.“

Sportchef des Segel-Teams ist der Däne Jesper Bank. Der Westerwälder dagegen kümmert sich um das geschäftliche Management. Er hatte den Posten im deutschen America´s Cup-Team „United Internet Germany“ in denkbar stürmischen Zeiten übernommen. Im vergangenen Oktober, beim letzten Vorlauf des Jahres im italienischen Trapani, waren die internen Querelen um den damaligen Chef Uwe Sasse eskaliert. Der Aufsichtsrat der Deutschen Challenger AG, mit dem Hauptsponsor Ralf Dommermuth an der Spitze, hatte Sasse seines Amtes enthoben. Voraus gegangen waren nicht gezahlte Gehälter, falsche Versprechen, Machtkämpfe. Kurzum: Die erste deutsche Kampagne in der über 150-jährigen Geschichte der Silberkanne drohte, sich anderthalb Jahre vor dem eigentlichen Wettbewerb selbst zu erledigen. Scheeren, der bis 2001 Finanzvorstand von „United Internet“ war und bis heute im Aufsichtsrat des Unternehmens aus Montabaur sitzt, wurde als Feuerwehrmann gerufen, um das schwankende Schiff wieder auf Kurs zu bringen. „Es war eigentlich ganz einfach“, sagt er heute. „Wir haben in zwei, drei Tagen die Verträge ausgehandelt, die über all die Monate liegen geblieben waren.

Das war´s. Das gab der Mannschaft Vertrauen. Und so wurde ich auch von Bank gefragt, ob ich nicht weiterhin als Manager arbeiten wolle.“ Man kann sich den Mann mit dem beruhigenden Lächeln gut als Fels in der Brandung vorstellen. Er spricht bedächtig, mit seinen Worten baut er keine Luftschlösser. Er mag die klare, direkte Botschaft. Man merkt, dass die Bodenständigkeit des Westerwaldes sein Zuhause ist. Scheeren ist gelernter Bankkaufmann, kein Segler. Er glaubt, dass dies kein Nachteil sondern ein Vorteil ist, um „aus einer gewissen Neutralität über die Geschicke des Teams entscheiden zu können“.

Ein junges, unerfahrenes Team, das gerade seine Strukturen findet und aufbaut, braucht einen rationalen, schnellen Entscheider, der auf das Vertrauen des Sponsors und das des Skippers und des technischen Direktors Eberhard Magg setzen kann. Scheeren sagt von sich, dass er die kurzen Entscheidungswege bevorzuge. Das sei besonders in kleinen Unternehmen sehr wichtig. „Und so ein AC-Team lässt sich sicherlich mit einem Unternehmen vergleichen.“ Cup-Experte Carsten Kemmling vom Fachmagazin „Yacht“ sieht den Posten des Managers aber als „Achilles Ferse“ des deutschen Teams. Ein Manager mit Segelerfahrung wäre sicher die Idealbesetzung gewesen, sagt Kemmling. „Aber wo hätte man den hernehmen sollen? Und wenn dies nicht funktioniert hätte? Einen weiteren Wechsel hätte das Team nicht verkraftet.“ Grundsätzlich sieht er Scheerens Berufung deshalb als richtige Entscheidung. Ein Problem, so Kemmling, sei nur, dass „Magg als technischer Direktor im Moment vollkommen überlastet ist. Fällt der aus, wird es schwierig. Denn Scheeren kann die Stelle ohne Fachwissen nicht einnehmen.“

Dennoch, seitdem Scheeren das Steuer übernommen hat, scheint die Kampagne, vorwärts zu kommen. Die ersten Trainingsfahrten in diesem Jahr liefen recht viel versprechend. Die Taufe des neuen Bootes, der GER-89, die gerade in Kiel gebaut wird, ist für Ende April angesetzt. Zudem arbeitet man an einer „Volkskampagne America´s Cup“, zu der die Segel-Basis in Deutschland möglichst komplett eingebunden werden soll. Bis auf zwei, drei Positionen steht auch die Segelmannschaft. Nur Ersatz für Bank müsse her. „Im Falle eines krankheits- oder verletzungsbedingten Ausfall von Jesper Bank muss jemand da sein, der die Rolle des Skippers übernehmen kann“, sagt Scheeren. Seinen Ausfall könnte sonst die ganze Kampagne gefährden. „Wir sprechen gerade mit hochkarätigen Skippern.“

50 Millionen Euro kostet die deutsche Kampagne bis dato. Im Gegensatz zu anderen „kleinen“ Teams steht das deutsche Team bereits auf einem soliden finanziellen Fundament. Sicher ein Vorteil für das spät gestartete Team. Man spreche, so Scheeren, zwar noch mit möglichen Sponsoren. „Aber wir haben keinen Druck. Derjenige muss ja auch zu uns passen.“

Für ihn ist das „United Internet“-Engagement auch ein Akt von Nachhaltigkeit und Zukunftsplanung. „Wir schauen mit einem Auge schon auf den Cup 2011. Alles, war wir nun richtig machen, kommt uns beim Aufbau der nächsten Kampagne zu Gute.“ Deshalb überlege das Team, ein weiteres Boot bauen zu lassen. „Erstens, um das Risiko eines Ausfalls kompensieren zu können. Zweitens, um beim nächsten Cup auch mit einem möglichen zweiten Segelteam schneller am Zuge zu sein.“ Kann sich das deutsche Team das finanziell aber überhaupt leisten? Der Mann aus dem Westerwald lächelt beruhigend und formuliert eine klare Botschaft, die ein wenig den neuen Geist der deutschen Kampagne erahnen lässt: „Wenn wir wollen, dann können wir uns das auch leisten.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%